Der Blick auf’s große Ganze

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Die Landeshauptstadt hat die einmalige Chance, ein neues Viertel zu gestalten. Anfang des Jahres wurde dem Verwaltungsausschuss ein Papier vorgelegt, das vorsieht, die Bürger bei der Entwicklung des sogenannten Rosensteinquartiers, das im Zuge des Megaprojekts Stuttgart 21 freiwerden soll, zu beteiligen. Der Verwaltungs-ausschuss hat OB Fritz Kuhn (Grüne) damit beauftragt, die Voraussetzungen für ein Bürgerbeteiligungsverfahren zu schaffen. Zunächst soll ein Unternehmen gesucht werden, das Vorschläge über Formen der Beteiligung ausarbeiten soll. Danach soll der Auftrag ausgeschrieben und Ideen gesammelt werden. Was von den Ideen der Bürger dann letztendlich übrig bleibt und umgesetzt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Unter anderem eben vom politischen Willen und von finanziellen Gegebenheiten. So sagte etwa Grünen-Chef Peter  Pätzold bei der Beschlussfassung Ende Januar, bezahlbaren Wohnraum zu fordern sei legitim, es bedeute aber auch, auf mehrere Hundert Millionen Euro in der Stadtkasse zu verzichten. Denn will man geförderten Wohnungsbau, müssen die Grundstücke nicht selten unter dem Anschaffungswert verkauft werden.

Bis zum Entscheid werden allerdings noch viele Jahre vergehen. Nun will Pätzold als Bürgermeister für Städtebau und Umwelt kandidieren. Die Stelle ist bereits ausgeschrieben. Mitte Juni will man im Stuttgarter Rathaus entscheiden, wer in die Fußstapfen von Matthias Hahn (SPD) tritt. Dieser gibt sein Amt Ende August ab. Jedenfalls wäre es ein Gewinn, wenn der Neue aus dem Fach kommen würde und den Blick fürs große Ganze hätte. Auf den neuen Baubürgermeister warten zahlreiche Aufgaben: neben dem Rosensteinviertel stehen unter anderem der Neckarpark sowie das Quartier auf dem Pragsattel beim Theaterhaus an. Außerdem natürlich die Themen Verkehr sowie Wohnungsbau und Nachverdichtung. Hier wäre eventuell ein Gestaltungsbeirat, eine Art Expertenrat mit externen Baufachleuten, der in Sachen Architektur und Stadtplanung berät, hilfreich. Viele Städte im Land, etwa Tübingen, Konstanz, Freiburg, Baden-Baden, Mannheim, Karlsruhe und Nürtingen haben einen solchen bereits. Und den Umweltbürgermeister werden überdies das Stadtklima sowie die Kreislaufwirtschaft beschäftigen.

Für die 100 Hektar indes, die derzeit noch von Gleisanlagen gepflastert sind, gibt es auch die Überlegung, dass eine Internationale Bauausstellung durchgeführt werden könnte. Es »können Leitthemen für ein Memorandum formuliert werden, « heißt es in der Beschlussvorlage, »die nicht zuletzt im Rahmen einer späteren Bauausstellung (IBA) konkretisiert und über einen Projektaufruf und einen späteren Werkstattprozess zu den einzelnen Quartieren vertieft werden können. « Dabei gelte es dann auch, den Ausstellungsgedanken selbst weiter zu entwickeln und die Bestimmung der Formate bereits frühzeitig in eine Bürgerbeteiligung einzubetten. Allen voran hatte sich zum Thema IBA die Wirtschaftsregion Stuttgart zu Wort gemeldet, einige Prominente aus der Kulturszene sowie Fachleute aus der Architekturbranche haben unterzeichnet. Das Plädoyer für eine Internationale Bauausstellung Region Stuttgart schloss allerdings die gesamte Region mit ein. Die Unterzeichner regen eine IBA an, die »nicht beschränkt sein wird auf Architektur, Städtebau und Mobilität «. Weitere Leitthemen wie etwa Bildung, Klimaschutz und soziale wie kulturelle Vielfalt sollen ebenso miteinbezogen werden. Doch man lässt offen, ob diese Themen unter dem Label einer IBA umgesetzt werden sollen. Thomas Hermann von der Architektenkammer Baden-Württemberg, der einer Arbeitsgruppe angehört, die ebenfalls das Thema IBA und Entwicklung des Rosensteinquartiers erörtert, sagt: »Derzeit gibt es in Stuttgart viele Initiativen, die versuchen die Stadtplanung und Baukultur hier voranzubringen.« Eine IBA könne helfen, die Messlatte für Qualität der Stadtentwicklung höher zu setzen. Der stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe Stuttgart-Mittlerer Neckar beim Bund Deutscher Architekten, Rolf Heine, sieht es ähnlich: »Wir brauchen in Stuttgart ganz dringend eine Wende in der Stadtentwicklung. In der Landeshauptstadt gibt es viele Baustellen, aber es fehlt die große Perspektive.« Bauausstellungen sind eine Frage des Geldes. Die dürft e in der wirtschaft sstarken Region Stuttgart weniger das Problem sein. Das übergeordnete Thema könnte beim Bürgerbeteiligungsverfahren gefunden werden.

Bürgerbeteiligung ist auch beim Bürgerhaushalt gefragt. Derzeit kann im Internet über die Vorschläge, die Stuttgarts Bürger Anfang des Jahres eingereicht haben, abgestimmt werden. Aber auch in Bürgerbüros, Bezirksrathäusern und Stadtteilbibliotheken liegen Formulare zum Ausfüllen aus. Etwa 3700 Ideen stehen zur Disposition. 100 kommen in die engere Wahl – Kriterium ist die Anzahl der Bewertungen – und werden noch vor der Sommerpause im Gemeinderat diskutiert. Je nach Diskussionslage fi nden die Vorschläge in den Haushaltsanträgen der Fraktionen zum städtischen Doppelhaushalt 2016/2017 ihren Eintrag.

• Eva Maria Schlosser

Bürgerhaushalt Suttgart

 

Jede Dichte ist anders

Innenverdichtung kann Wohnraum schaffen. Die Frage ist nur, wo und wie. Die Aussicht sucht Seinesgleichen. Von dem futuristischen Doppelstockgebäude, das auf das Dach eines Gründerzeitgeb.udes im Stuttgarter Süden gesetzt wurde, reicht der Rundblick weit über Baden-Württembergs Landeshauptstadt. »Ufo« nennen manche Nachbarn die Dachaufstockung, die der Tübinger Architekt Florian Danner entworfen hat: Zwei spiegelgleiche Wohnung mit je 98 Quadratmetern Fläche, als fließend-dynamische Geste gestaltet, bestehend aus einer Holzkonstruktion mit raumhohen Glasfronten sowie Steil-, Schräg- und Flachdachelementen. Sie verbrauchen im Vergleich zu ähnlichen Wohnungen zwei Drittel weniger Energie, passiv wird Sonnenenergie genutzt, die Lüftung funktioniert automatisch. Ein Jahr wurde verhandelt, bis das Bauvorhaben stand. Nachdem sich Danner mit dem Besitzer des Gründerhauses geeinigt hatte, dessen undichtes Dach kostenlos zu sanieren und es dafür als Bauplatz zu nutzen, musste das Stuttgarter Stadtplanungs- und Baurechtsamt von dem Musterprojekt überzeugt werden. Fazit: Die Dachaufstockung wurde vom Bund Deutscher Architekten mit dem Hugo-Häring-Preis, bedeutendster Architekturpreis in Baden-Württemberg, ausgezeichnet.

Ein Zukunftskonzept für Ballungsräume, wo Wohnraum zunehmend knapper und teurer wird? Die Stadt Wien hat diese Form der Verdichtung seit Jahren exemplarisch vorexerziert. Indes summieren sich just dort die Kosten der Dachaufstockungen, weil diese erdbebensicher gemacht werden müssen – das ist nicht für jeden bezahlbar. »Dachaufstockung ist durchaus eine Möglichkeit, Wohnraum nachzuverdichten, gerade wenn die Gebäude unterschiedlich hoch sind«, sagt Franz Pesch, Emeritus des Städtebau-Institut der Universität Stuttgart. »Allerdings keine allgemeingültige. Jede städtebauliche Situation ist anders und man muss diese jeweiligen Dichten immer genau anschauen.« So kann sich der Architekt und Stadtplaner in der Landeshauptstadt Dachaufbauten an der einen oder anderen Stelle vorstellen. Aber Aufstockung als große Strategie funktioniere dort nicht. »Man muss das Wohnungsthema regional angehen und immer über die Stadtgrenzen hinaus denken, wo mitunter besser verdichtet werden kann und dies dann der jeweiligen Stadt und Bautypen entsprechend ausbalancieren«, so der Architekt. »Die Menschen leben regional und kommen beispielsweise von Gebieten wie dem Scharnhauser Park in Ostfildern oder der neu auf dem ehemaligen Bahngelände entstehenden Weststadt in Esslingen schnell mit S-Bahn- Verbindungen nach Stuttgart.«

»Innenverdichtung« wird denn auch im Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg als wichtiges Ziel benannt. Die Innenkerne der Städte und Gemeinden gelte es zu stabilisieren, den zu hohen Flächenverbrauch einzudämmen. Laut Statistischem Landesamt wurde im Jahr 2012 täglich eine Fläche von 6,7 Hektar für Baumaßnahmen beansprucht – ein Jahreszuwachs an Siedlungs- und Verkehrsfläche in der Größenordnung von rund 3.500 Fußballplätzen. Im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (MVI) wurde daher der Faktor des fiktiven Bevölkerungswachstums, der für das Ausweisen neuer Flächen bestimmend ist, von 0,5 Prozent im Jahr auf 0,3 Prozent gekürzt. Damit soll dem demografischen Wandel Rechnung getragen werden – und dem Fakt, dass die Nachfrage nach Single-Wohnung und mehr Wohnfläche in den Städten doch weniger stark anstieg, als zunächst prognostiziert. Ein Grund seien, so Experten, die hohen Preise. Klar ist, es mangelt weniger an Luxusbleiben denn an bezahlbaren Wohnraum – gerade für Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Erzieherinnen und andere Menschen mit gesellschaftlich relevanten Berufen, deren Gehalt nicht mit dem Mietpreisspiegel in Ballungsräumen mithalten kann. Zu den klassischen Themen, um ohne Flächenverbrauch neuen Wohnraum in der Stadt zu schaffen, gehört daher die Schließung von Baulücken. Dies, so Stadtplaner Pesch, bedeute aber nicht, die noch freien Grünfl.chen der Halbhöhenlage mit Geschosswohnungsbau zuzukleistern: »Das macht keinen Sinn, die grünen Zonen machen Stuttgarts Qualitäten aus.« Auch Landschaftsarchitekt Udo Weilacher betont: »Verdichtung heißt, mit den Flächen effizienter umzugehen.« In Zukunft müsse man überlegen, ob mehr Menschen jene Freiflächen, die nur einseitig dem Sport oder zur Dekoration dienten, nutzen könnten. Ein Parkplatz müsse nicht nur 24 Stunden am Tag Parkplatz sein, so Weilacher.  Auch viele Infrastrukturprojekte, etwa Hochwasserschutzanlagen oder Bahngelände, ließen sich mit neuen Stadtgrünprojekten verbinden. Deswegen sieht auch Pesch eine große Chance in der innovativen Umnutzung ehemaliger Büroräume und nicht mehr tauglichen Gewerbefl ächen in den Innenstädten. Werde doch einiges an Gewerbegebäuden gebaut, die eigentlich nicht benötigt würden. »Wie es funktionieren kann, haben die Architekten von Wilford Schupp exemplarisch mit dem – sehr hochwertigen – Umbau des ehemaligen Max-Planck-Instituts zum Wohngebäude gezeigt. Aber auch einige Projekte im Stuttgarter Osten sind gelungen.« Zu den bundesweit großen Wohnbaureserven gehöre außerdem die Konversion von ehemals militärisch genutzten Flächen oder einstigen Krankenhäusern – etwa von Baugemeinschaften.

In Tübingen gibt es seit 2014 das erste per Bürger-AG, also per Bürger-Aktie finanzierte Gebäude. Auf den 1.200 Quadratmetern Wohn- und Gewerbefl äche leben unter anderem Wohngemeinschaft en mit Menschen mit Handicap, junge Familien, es gibt Gästewohnungen, die für ein bis sechs Monate gemietet werden können, sowie ein Co-Working-Space mit temporär nutzbaren Büropl.tzen. Die Bürger-Aktie sei für Menschen interessant, »die ihr Gemeinwesen aktiv mitgestalten und nicht warten wollen, bis der Staat etwas macht« sowie für »Kommunen, die ihre Baulücken nicht ausschließlich dem Höchstbietenden (der später dann teure Wohnungen verkauft ) überlassen möchten«, heißt es bei der verantwortlichen nestbau AG. Nest steht denn auch nicht nur für Heim, sondern auch für »nachhaltig. ethisch. sicher. transparent «. Das bedeutet, Interessenten betiligen sich an Wohneigentum, aber nicht am Wohnraum selbst, sondern in Form einer Aktie. »Ab 1000 Euro wird Geld investiert in Wohngebäude im süddeutschen Raum mit dem Ziel nachhaltig preiswerten Wohnraum zu schaff en, bei dem die Aktionäre eine maßvolle Rendite bekommen, die Mieter einen fairen Mietpreis und die Städte profi tieren können, weil sie günstigen Wohnraum bekommen«, erklärt ein Aktionär. Und nestbau-Vorstand Gunnar Laufer-Stark betont, dass es im Unternehmen keine typischen Aktionäre gebe. Alle indes eine, dass sie mit ihrem Geld etwas Vernünft ges machen wollten. »Ethisch heißt, dass die Anlieger denen, die in unseren Häusern wohnen, gerade in die Augen schauen können.« In aller Regel liege der Mietpreis unter dem örtlichen Mietspiegel, der Energiestandard liege über dem staatlich vorgeschriebenen. Laufer-Stark: »Die Idee taugt für alle Städte, in denen derzeit schon und weiterhin absehbar Mangel an bezahlbaren Wohnraum herrscht.«

• Petra Mostbacher-Dix

Think. Do. Repeat.

Im Sitzen ist noch keiner über etwas gestolpert. Und: Wer nichts macht, macht nichts falsch und nichts kaputt. Außer unter Umständen das eigene Leben. Will sagen: langweilt sich zu Tode. Soll heißen: Grasflecken auf der Jeans, und ab und zu blutige Knie gehören dazu. Auch wenn Mama sagt, das geht nie wieder raus. Muss es ja auch nicht. Soll es ja auch nicht. Aber: ab einem gewissen Punkt im Leben (als Vorschlag: ab der vollen Straffmündigkeit), sollte dem eigenen Handlen das eigene Nachdenken vorausgehen. Dem Tun das Nichtstun. Der »actio« die »cogitatio«. Dem Sturm die Ruhe und so weiter. Was dann schießlich die Handlung ist, ist zunächst irrelevant. Kuchen backen, Aquarellmalkurse besuchen, Dächer decken, Bäume pfl anzen, Kinder zeugen. Wählen gehen, Banner schwenken, Sitzstreik planen. Man muss ja nicht immer gleich mit Steinen werfen. Nicht immer. Nicht gleich. Und wenn doch, dann sollte man auf jeden Fall vorher drüber nachdenken. Über Schwerkraft, Winkel und Gewicht. Über Zielen, Treffen und: niemals ins Gesicht. Denn: wer wirft, ohne treff en zu wollen, kann morgens auch gleich liegen bleiben. Man muss nicht treffen — aber man muss es wollen, wenn man wirft . Mit Werfen alleine gewinnt man auch auf dem Volksfest nichts. Maximal kleine, bunte, beschissene Schraubenzieher, die man für nichts brauchen kann. Mit dem Treff en alleine ist es aber auch nicht getan. Handlung braucht Konsequenz, aber auch Konsequenzen. Der Wei.brotwürfelwurf erhält seinen Sinn erst und ausschließlich durch die Anwesenheit von Enten im Teich. Will sagen: ein Dominostein braucht den nächsten. Soll heißen: der Spaß beginnt beim zweiten Stein. Wenn man die Wirkung seines (wohl überlegten) Handelns beobachten kann. Die Früchte der Arbeit, der Flügelschlag eines Schmetterlings, blablabla … Aber: manchmal kann das dauern. Von einem Dominostein bis zum nächsten können Jahre vergehen. Das erfordert dann nach Denken und Tun zusätzlich noch Geduld. Also eher: think – do – sit and watch with a cup of tea – repeat. Rom wurde auch nicht an einem und so weiter. Oder: manchmal müssen sich ganz viele kleine Steine gegen einen großen werfen, bevor der kippt. Steter Tropfen, Kleinvieh, wasweißich. — Oder: manchmal ist das Brot auch schon verschimmelt, bis die lahmen Enten angewackelt kommen. — Und dann: nochmal von vorn.

• Philipp J. Schmidt