12 Fragen an Motjib Latif

»Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie«

Interview über die Weltmeere, Überfischung, Ölpest und Plastiktüten.

 

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Mojib Latif ist Professor am Leibniz-Institut für Meereskunde, Universität Kiel. Bekannt wurde der Ozeanologe und Meteorologe vor allem durch seine Buchveröffentlichungen, Fernsehauftritte und Radiointerviews zu Themen wie Klimawandel und -erwärmung. Im Herbst ist sein Sachbuch »Das Ende der Ozeane« erschienen.

 

Herr Latif, kennen Sie den Sci-Fi-Roman »Der Schwarm« von Frank Schätzing?

Ja, ich habe ihn nicht ganz gelesen, aber Schätzing hat bei uns recherchiert …

Halten Sie solch einen Rachefeldzug der Meerestiere, wie es in dem Roman beschrieben wird, theoretisch für möglich? Bei Schätzing sind es sogar Einzeller, die sich zusammenschließen und als ein intelligentes Wesen reagieren …

Sicher nicht. Es ist viel banaler. Wir Menschen arbeiten dar- an, das Ökosystem der Ozeane zum Kippen zu bringen. Wenn das passiert, wird uns das erheblich treffen. Aber eben nicht, weil die Ozeane zurückschlagen, sondern einfach weil wir von den Ozeanen abhängen und den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Amöben werden und auch höheres Leben wird immer überleben, egal, was die Menschen anrichten. Aber ob die Menschen langfristig auf dem Planeten überleben können oder nicht, das ist die Frage.

In ihrem Buch »Das Ende der Ozeane« beschreiben Sie den Missbrauch, die Ausbeutung und die Verschmutzung der Weltmeere durch den Menschen. Bislang war eher von dergleichen auf dem Kontinent die Rede. Ist das Wasser vielleicht sogar stärker gefährdet als der Kontinent, weil hier keine natürlichen Barrieren vorhanden sind?

Nicht nur deshalb, weil sich in den Meeren alles leichter verteilt. Die Ozeane sind stärker gefährdet, weil wir sie nicht so unmittelbar wahrnehmen. Was an Land passiert, nehmen wir eher wahr. Was auf den Ozeanen passiert, nehmen wir nur dann wahr, wenn etwas an die Oberfläche tritt. Was in der Tiefe ist, wissen wir nicht. Und das ist die große Gefahr: Dass dort Dinge passieren, von denen wir derzeit gar keine Ahnung haben, die aber irgendwann zum Kollaps des Gesamtsystems führen.

Sie schreiben ja auch, dass Vieles noch nicht erforscht ist, dass Expeditionen im reale Ozean wichtig wären, um den Kreislauf zu
verstehen …

Genau. Man weiß so Vieles noch nicht. Besagte Expeditionen sind extrem aufwendig und kostspielig. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Ich habe in meinem Buch ein paar Beispiele gebracht, etwa, dass unsere Fischernetze etwa 1500 Meter weit in die Tiefe gehen, aber man nun auch sieht, dass die Fische in 2000 Metern Tiefe noch drunter leiden, weil ihre Brut weiter oben lebt. Die fischt man also gleich mit weg.

Explizit fordern Sie den Ausbau von Ozeanbeobachtungssystemen, um den Kreislauf besser zu verstehen. Mal abgesehen vom Forscherdrang des Menschen… Wäre es nicht klüger, ein Gleichgewicht wie das über Jahrmillionen gewachsene Ökosystem des Meeres nicht ins Wanken zu bringen und die Tiefsee in Ruhe zu lassen?

Auf jeden Fall. Aber unsere Welt funktioniert leider nicht so. Selbst wenn es ernstzunehmende Anhaltspunkte gibt, dass da unten etwas schief läuft, geht die Diskussion los: Seid ihr euch wirklich einig? Ist es wirklich so schlimm? Und so weiter. Wenn man nicht hieb- und stichfest belegen kann, dass etwas passiert ist, dann wird nichts geschehen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir beobachten und forschen können – zum einen natürlich, weil der Forscherdrang groß ist, zum anderen aber vor allem, weil wir sonst keine Möglichkeit haben, irgendwelche Aktionen und Maßnahmen einzufordern.

Ölverschmutzung, Radioaktivität, Plastikabfälle, Lärm, Überfischung und Aquakulturen, mit denen wir die gleichen Fehler machen wie bei der Massentierhaltung – warum ignorieren wir diese Gefahren?

Die Bedrohungen existieren, werden aber nicht bemerkt: Die Meere erwärmen sich und versauern, weil sie zu viel Kohlenstoffdioxid aufnehmen müssen. Außerdem schwimmen darin bereits über 150 Millionen Tonnen Plastikmüll. Denken wir noch an die große Ölpest im Golf von Mexiko, die Einleitung von radioaktiv belasteten Wasser nach der Atomkatastrophe von Fukushima – manches ist nicht sichtbar und zum größten Teil weit weg. Meist ist am Anfang die Aufregung natürlich groß, aber wir vergessen schnell.

Verdrängen wir nicht eher? Wir wollen auf nichts verzichten und konsumieren …

Ja, das Rad werden wir nicht zurückdrehen können. Die Leute wollen Autos und alles mögliche andere haben. Es geht darum, dass wir die Dinge so entwickeln, dass wir die Ressourcen schonen und die Umwelt nicht belasten. Das ist möglich. Wir sind umgeben von sauberer Energie, egal ob Wasser, Sonne oder Wind. Aber wir nutzen sie nur in sehr begrenztem Maßstab. Wir müssen weg von der Wegwerfwirtschaft, hin zur Kreislaufwirtschaft. Das Plastik darf eben nicht in unseren Meeren verschwinden, sondern … am besten, wir brauchen es gar nicht. Beispiel Tüten: Die braucht kein Mensch, die würde ich verbieten. Es gibt Alternativen. Und wenn man schon Plastik herstellt – für bestimmte Dinge ist das ja in Ordnung – dann muss man eben versuchen, das dann zu recyceln. Denn sonst werden wir uns wirklich unsere Lebensgrundlage entziehen. Unser Wirtschaftssystem basiert im Moment darauf, dass wir die Ressourcen hemmungslos ausbeuten und dass wir die Umwelt gnadenlos belasten. Das ist kein System, das langfristig funktionieren kann.

Dann ist die Politik gefordert?

Ja, klar.

Politiker argumentierten gerne für das Beibehalten bisherige Strategien, Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel …

Diese Argumentation führt uns in die Sackgasse. Wenn wir immer in den alten Mustern verharren, kostet das uns die Zukunft und die unserer Kinder und Enkel. Nehmen wir das Beispiel Atomstrom und Kohle. Je länger wir warten, die Energiewende vernünftig hinzukriegen, desto problematischer wird es für uns. Die Energiewende ist ein Muss, unabhängig von den Umweltproblemen. Wir müssen sicherstellen, dass wir in Zukunft relativ kostengünstige Energie haben und das geht nur über die erneuerbaren Energien. Insofern ist das kein Widerspruch: Umweltschutz, Ressourcenschutz und Wirtschaft – das geht nur zusammen. Wie sehen derzeit bei den großen Energiekonzernen, wie sehr sie darunter leiden, dass sie so träge gewesen sind und sich partout nicht um neue Geschäftsmodelle bemüht haben.

Kann der Einzelne was tun?

Auf jeden Fall. Wir sehen das gerade jetzt. Wir feiern derzeit 25 Jahre Mauerfall. Dieses Ereignis ist nicht von oben verordnet worden, das haben die Menschen bewegt. Oder auch der Atomausstieg. Das Individuum hat eine enorme Macht, wenn man sich verbündet und einen langen Atem hat. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Wenn das viele machen, dann hat das auch einen Effekt und die Politik reagiert darauf. Wir müssen weg von dieser dummen Verzichtsdebatte. Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie.

  • Das Gespräch führte Eva Maria Schlosser

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