Und alle mischen mit

Konsum oder die Angst vor der Sinnlosigkeit.

Der Mann hat Humor, das muss man ihm lassen. So erklärte Jean Asselborn, seines Zeichens Luxemburgischer Außenminister, in einer Talkshow des deutschen Fernsehens: »Wir haben keinen Platz für Häuser, nur für Briefkästen.« Recht hat er. Luxemburg ist gerade mal so groß wie das Saarland – und auf rund 2600 Quadratmeter passen ja nicht ’zig Bürotürme oder Hallen für Hunderte Konzerne wie Amazon, Ikea, Pepsi, Eon oder die Deutsche Bank. Die nämlich, so zeigen Dokumente der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC), sitzen in Luxemburgs Postboxen. Und wenn nun alle noch ein Häuserl wollten, wo käme denn das kleine Großherzogtum hin? Virtuelle Geldflüsse indes sind kein Problem: Rund 3000 Milliarden Euro an Vermögen werden von dort gesteuert, um Konzernen legal Steuern zu sparen. Mal werden Gewinne über aufwändige Zinskonstruktionen verschoben, mal über Lizenzgebühren intern verrechnet. Dass auch andere Staaten, etwa die Niederlande, Belgien, Schweiz oder Großbritannien Off-Shore, beim Verschiebebahnhof mitmischen, wie Asselborn gerne betont, macht es nicht besser. Insgesamt zeigt dieses Hin und Her vor allem eines: die Struktur des Systems. Wer viel umsetzt, der will auf Papier wenig Gewinn machen, um wenig Steuern zu zahlen, um mehr zu verdienen.

Die kleineren Unternehmer, die sich keine weltweit tätigen Berater leisten können, müssen vor allem zuhause Geld ausgeben, um ihre Einnahmen gegenüber dem Fiskus zu schmälern – für Bürom.bel, Autos, Computer, ob sie nun 50 Stück davon brauchen oder nicht. Wer Geld vernichtet, spart Steuern. Als etwa die Cyberblase zu Beginn des Jahrtausends platzte, wurde der Markt plötzlich von hochwertigsten Konferenztischen oder Lederfauteuilles überschwemmt, die längst abgesetzt worden waren und nun ohne Mitarbeiter herumstanden. Bedingt durch das System: Würde dieses wohl zusammenbrechen ohne seinen wesentlichen Faktor, den Konsum. »Consumo Ergo Sum«, ich konsumiere also bin ich, funktioniert daher auch im »Wir«: »consumimus, ergo sumus«. Gerade in Zeiten der Krisen und Sparzwänge predigten allerlei Wirtschaftswissenschaftler, dass endlich der Binnenkonsum »anspringen müsse«, sonst würden alle arbeitslos. Und dann? Also nicht sparen in schlech- ten Zeiten, ausgeben den Mammon! So erklärt Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, einst Chefvolkwirt bei der UNOOrganisation für Welthandel und Entwicklung in Genf, einziger Weg, um aus dieser Rezession heraus zu kommen, sei Geld auszugeben. »Es gibt keine Wirtschaft, die ohne Schulden funktioniert, wenn gleichzeitig gespart wird.«

Unter Ökonomen gelten drei Prozent Wachstum als notwendig, um man das bestehende System zu erhalten. Weniger, womöglich Rezession wird als Katastrophe dargestellt. Auch Ökonom Norbert Reuter, Mitglied des Ver.di-Bundesvorstands und bis 2013 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages, betont, dass ohne Wachstum, sprich Konsum, nichts funktioniert, obschon er für eine andere Art des Wachstums ist. So erklärt er in der TAZ: »Wir müssen weg vom Starren auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und hin zu qualitativen Beschreibungen … Wir brauchen den ökologischen Umbau, eine andere, grüne, mehr mitbestimmte Produktion, wir müssen an den demografischen Wandel denken – also mehr Pfleger, mehr Bildung, mehr Kitas, kurz: mehr soziale Dienstleistungen. Gegen ein solches Wachstum hat doch niemand etwas.« Wirtschaftshistoriker und Attac-Mitglied Matthias Schmelzer indes hält »gutes Wachstum« für eine Illusion. Solange es Wachstum gebe, gebe es auch mehr Ressourcenverbrauch oder jedenfalls nicht die nötige Verminderung, betont der Mitautor des Buchs „Postwachstum – Krise, ökologische Grenzen, soziale Rechte« Die Frage hier ist freilich »Wie viel ist genug?« So übertitelten der britische Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky und sein Sohn, Philosoph Edward Skidelsky, ihr Ende 2013 erschienenes Buch über »Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens«. Sie beziehen sich dabei auf ihren legendären Landsmann, den britischen Wirtschaftswissenschaftler John Keynes. Der beschrieb schon in den 30er-Jahren, dass der Kapitalismus irgendwann allein zur Ruhe kommen werde, wenn die Menschheit satt und zufrieden sei. Und nach den Skidelskys, die wie DM-Gründer Götz Werner für ein Grundeinkommen plädieren, ist das Leben – in allen Kulturen – gut, wenn sieben Grundbedürfnisse befriedigt sind: Der Mensch brauche Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Entfaltung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft und Muße. Doch viele Menschen, so resümieren Vater und Sohn, würden das Gefühl des »Satt seins« nicht mehr kennen. Sie gewöhnten sich an neuen Wohlstand und lebten im Wahn, dass ständige Steigerung zu einem glücklicheren Leben führe. Das System des Wachstums werde von tief verwurzeltem Mangeldenken und der Gier angetrieben. Auch der viel propagierten These, Konsum rege die Wirtschaft an, erteilen die beiden eine Abfuhr. Die Produktion solle den Konsum ermöglichen, nicht umgekehrt. Ihr Fazit: »endloses Wachstum ist sinnlos«.

Ähnlich beschrieben es die Filmemacher und Autoren John de Graaf und David Wann sowie der Ökonom Thomas Naylor bereits in ihrem 2002 erschienenen Klassiker »Affl uenza – Zeitkrankheit Konsum«. »Wir fürchten uns vor Sinn- und Nutzlosigkeit – darum verbringen wir unser ganzes Leben damit, uns einzureden, wie unbezwingbar wir doch sind«, so Naylor in der Zeitschrift ÖkologiePolitik. Konsum gaukele uns ewiges Leben und absolute Sicherheit in einer ansonsten unsicheren, sinnlosen Welt vor. »Wir glauben, dass wir unser ganzes Leben in einem Zustand nicht enden wollender Selbstverwirklichung verbringen können, ohne aber auf der anderen Seite einen psychischen Preis für das Leben in hemmungsloser Vergnügungssucht zahlen zu müssen. Unser Selbstwertgefühl beruht vollständig auf dem, was wir selbst besitzen und konsumieren, und nicht auf dem, was wir wirklich sind.« Sein Fazit: »Affl uenza wird niemals durch bloßen passiven Widerstand ausgerottet werden, es bedarf schon off ener Rebellion gegen das System.

• Petra Mostbacher-Dix

 

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