Immer mehr Zeug aber weniger Zeit

Wir tauschen Zeit gegen Geld gegen Zeug. Und das in einem Ausmaß, dass kaum Zeit bleibt für das Zeug. Um zu tun, was man mit Zeug eben so tut. Es benutzen, anstatt es nur zu besitzen. Es genießen. Sich an dem Zeug erfreuen nicht nur an seinem Besitz. Krempel, Sachen, Dinge, Staubfänger, Dekoration. Zeug. Zeugen unseres Wohlstands. Konsum als Selbstzweck. Konsumieren, damit konsumiert ist. Kaufen um zu kaufen, nicht um zu gebrauchen. Brauchen versus Habenwollen. Weil man will, nicht weil man muss. Weil man kann. Just because.

Konsum. Das kommt ja aus dem Lateinischen. »consumere«: verbrauchen, aufbrauchen, erschöpfen, verwenden, verschwenden. »consumo«: ich verbrauche. »consumimus«: wir verbrauchen. »consumemus«: wir werden verbrauchen. Das hab’ ich mir nicht ausgedacht, das ist Futur I. Das ist die Zukunft . Ziemlich sicher. Wir werden verbrauchen. Wir werden verschwenden. Wir werden aufbrauchen. Bis nichts mehr da ist. Nicht mehr übrig. Nichts zu vererben. Pech gehabt übern.chste Generation. Voll sorry, hey. Aber läuft bei uns, lol.

Oder wir finden einen anderen Weg. Früher oder später gezwungenermaßen. Das hat schon öfter funktioniert. Die Menschheit ist ja relativ einfallsreich, wenn’s eng wird. Allerdings erst dann. Wenn’s nicht mehr anders geht. Eiszeit? Lagerfeuer. Mammut? Speerwurf. Dunkelheit? Elektrisches Licht. Ölkrise? Autofreier Sonntag. Zack, Problem gelöst. Auf jeden Fall vertagt. Hoch die Tassen!

Und was dieses Mal? Zum Beispiel: Boykott. Der kommt seinerseits vom irischen Grundstücksverwalter Charles Cunnigham Boycott, der Ende des 19. Jahrhunderts so ein arschiger Landlord und landlordiger Arsch war, dass damals alle kurzerhand beschlossen haben, fürderhin einfach nicht mehr für ihn zu arbeiten oder Geschäfte mit ihm zu machen, sollte er sein Gebaren nicht schleunigst ändern. Da saß er dann. Allein und verlassen und musste netter zu den Menschen sein. Was für ein großartiger Erfolg. Das ist zwar lange her, also Vergangenheit und nicht Futur, aber ausgedacht hab’ ich mir’s (hoffentlich) trotzdem nicht. Das tatsächliche Futur I: wir werden boykottieren, beziehungsweise: wir werden aufhören bei unfairen, unfreundlichen, gierigen, profitfokussierten, ausnutzenden, weltmonopolanstrebenden, manipulativen, eben schlicht arschigen Unternehmen zu kaufen, ist leider eher unwahrscheinlich. Das war ja immer schon so, sicherlich auch schon vor Lebzeiten des Herrn Boycott, dass es lange dauert, bis was passiert. Bis sich was ändert, muss schon verdammt viel zusammenkommen, müssen schon viele, viele, also so richtig viele, so total viele, eigentlich fast alle Menschen persönlich und konkret davon betroffen sein. Bevor nichts passiert, passiert auch nichts. Solange die Flüchtlinge im Mittelmeer und nicht in der Nordsee ertrinken, solange die Kinder in Beirut und nicht in Bayreuth verhungern, solange die Polizei in Ferguson und nicht in Feuerbach schwarze Jugendliche erschießt, ist das ja alles nicht unser Problem. Nicht so richtig. Das sind nur Nachrichten. Ein Glück. Und eine Frage der Zeit.

  • Philipp J. Schmidt

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