Das Meer (mehr?) der Möglichkeiten

Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich auch immer gegen etwas. Hätte ich damals nicht auf meinen Mann gehört! Ja, was wäre dann? Der Satz wurde nie zu Ende geführt. Zumindest bislang nicht. Wahrscheinlich weiß die Person, die so jammert, selbst nicht, was dann gewesen wäre. Woher auch? Schließlich ging sie einen anderen Weg – den sie aus heutiger Sicht dummerweise als den falschen ansieht. Das müssen Freunde und Angehörige in ermüdender Regelmäßigkeit mit anhören. Ein Meer der Reue mit einer Priese Bitterkeit. Auch Trauer ist dabei. Tatsache ist, bei manchen Menschen bleibt es nicht bei dem einen Mal Reue. Es scheint nicht dieses eine Ereignis zu sein, dass so völlig verkorkst, so eine völlig falsche Entscheidung war. Es ist eher wie ein Pilz, der sich hartnäckig ins Leben der Befallenen frisst, darin mäandert und zahlreiche Ereignisse anfällt. Hätte ich doch einen anderen Beruf gelernt, wäre ich doch bloß nicht weggegangen, wäre ich doch damals noch zu anderen Ärzten gegangen, hätte ich ihn doch nicht verlassen, hätte ich doch gestern zugegriffen und die Tasche gekauft undundund. Manche Vorwürfe, die man sich selber und dem Schicksal macht haben freilich einen wahren Kern. Schön blöd war man! Aber hey, shit happens!

Vorwürfe darf man sich dennoch machen, andere dürfen einem Vorwürfe machen. Aber Vorwürfe sind weder konstruktiv noch in jedem Fall berechtigt. Denn meist gab es Gründe, warum man sich für etwas so und nicht anders entschied. Gründe, die mitunter auch heute noch Gewicht hätten. Etwa Angst vor dem Unbekannten, Sicherheitsdenken, Eile, Vernunft (oder angebliche Vernunft), Sorglosigkeit oder auch die falsche Einschätzung einer Situation. So gesehen folgte man unter derlei Einflüssen selten dem Bauchgefühl. Und eigentlich, ist man nicht bereits am Lebensende angekommen, gäbe es da ja noch die Chance, es in Zukunft anders zu machen. Selbst mit 80 Jahren sind noch einige Türen offen, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so viele. Aber sind wir doch mal ehrlich, die meisten Türen schlägt man sich sowieso selbst vor der Nase zu – oder öffnet sie erst gar nicht. Ist gar nicht neugierig, was sich dahinter verbirgt. Aus oben genannten Gründen, oder mangels Fantasie. Oder mangels Energie. Das Leben kann einen ja schon müde machen.

Wäre ich dünner, würde ich mich besser fühlen und die anderen fänden mich attraktiver. Wäre ich schlauer, könnte ich alle in Grund und Boden reden. Hätte ich mehr Geld, könnte ich mehr Gutes tun. Hätte ich eine größere Wohnung, würde ich mich wohler fühlen, könnte aufatmen, hätte mehr Raum für mich und meine Ideen. Oder ich hätte mehr Falten, wäre unbeliebter, weil mich alle für eine Besserwisserin hielten, würde für mein mehr Geld mehr Dinge kaufen, die man im Leben nicht braucht, hätte mehr zu putzen und aufzuräumen, keine Zeit mehr. Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich immer auch gegen etwas. Das vergisst man nur leicht. Und eigentlich ist es nicht mal so wichtig, für was man sich entscheidet, es ist nur wichtig, dass man dann hinter seiner Entscheidung steht, die Vorzüge dieser Entscheidung nutzt. Und schließlich kann man sich auch oft noch umentscheiden. Also dann doch wieder eine kleinere Wohnung nehmen, dicker werden … Nichts ist vollkommen. Und das meiste Glück liegt in einem selbst.

Reue, bereuen nutzt nichts. Es nützt etwas, aus Fehlern zu lernen, wobei man auch erst mal definieren müsste, was ein Fehler ist. Es ist sicher ein Fehler, sein Leben im Konjunktiv zu führen. Oder es auf morgen zu verschieben. Schließlich hat man nur das eine. Und wer weiß, ob man’s auch noch morgen hat. Nichts ist gewiss. Außer der Moment.

  • Eva Maria Schlosser

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