Hätte, hätte, Fahrradkette

Es könnte ja, es könnte ja. Also ich könnte ja. Ja, vielleicht.

Könnte ich. Also wenn man mich ließe. Sicherlich, ja. Dann

  1. Wenn man mich, dann könnte ich. So richtig könnt’ ich

dann. Also so alles so. Könnt’ ich dann. Alles. Nämlich.

Schlicht alles könnt’ ich. Dann. Wenn.

Aber alles ist halt auch viel.

Alles ist immer viel.

Alles ist meistens zu viel.

Für die meisten ist alles zu viel.

 

Die Multioptionsgesellschaft hat das Problem der fehlenden Eindeutigkeit. Alles ist möglich und vor allem muss alles möglich sein. Immer und auch bleiben. Zu jedem Zeitpunkt muss jede Option gegeben sein. Am besten für immer. Sich festlegen bedeutet Möglichkeiten einzubü.en. Aufzugeben. Zu verlieren. Jede getroffene Entscheidung schließt alle anderen, nicht getroffenen aus. Jedes Ja bedeutet unendlich viele Neins. Furchtbare Konsequenz der Kausalität.

Im Detail heißt das: Jeder kann, jeder darf, jeder will und jeder soll alles können, dürfen, wollen und sollen. Immer und überall. Alle müssen können, alle sollen wollen. Keiner darf nicht können. Nicht wollen schon gar nicht. Die Multioptions-Chance wird zum Multioptions-Zwang, woraus der Druck (außen) und der Anspruch (innen) erwächst, dass auch jeder muss, was er kann. Im Mindesten müsste, was er könnte. Eben seine Möglichkeiten auch nutzen. Wenn er sie schon hat. Nichts verschwenden, nichts verschenken. Keine Chance verpassen. Immer das Beste aussuchen. Immer das Richtige tun. Ganz einfach: den perfekten Weg durchs Leben finden, anhand stets richtiger Entscheidungen.

Das kann ja nur schief gehen. Es muss. Und es darf. Das weiß aber nicht jeder. Die Angst, sich falsch zu entscheiden lastet schwer und erzeugt automatisch und unausweichlich Ziel- und Orientierungslosigkeit. Alternativlos. Das unausgesetzte Offenhalten aller Wahlmöglichkeiten führt zur Enthaltung. Vom Leben, pathetisch formuliert.

Feste Bindungen, Verantwortung und Konsequenz sind dabei nämlich nur hinderlich. Können nichts anderes sein als hinderlich. Sehen schon von weitem nicht gut aus. Stehen nur im Weg rum, nehmen Platz weg und werden weiträumig gemieden. Oft genug schlicht ignoriert. Nicht als Option wahrgenommen. Nicht als Möglichkeit akzeptiert. Damit irrelevant. Nicht auf der Liste, nicht existent. Endgültigkeit darf nicht sein und kann eben deswegen auch nicht sein.

Ebensowenig auf dem Wahlzettel steht allerdings Vergänglichkeit. Sie wird ebenso gefürchtet und durch Ignoranz gemieden wie Endgültigkeit. Alles wird dokumentiert, alles wird festgehalten. Gespeichert und abgelegt für wen auch immer. Für eine potentielle Nachwelt, die ein potentielles Interesse daran haben könnte. Unter Umständen. Eventuell. Möglicherweise. Aber eher nicht. Alles bleibt ohne Konsequenzen, ohne Folgen, ohne Wirkung. Archäologen der Zukunft werden nicht das Problem haben, dass sie nur ein paar vertrocknete Scherben finden und sich daraus ableiten müssen, wie die Römer auf dem Klo saßen. Nein, sie werden sich durch Abermillionen identischer Photos von Essen und Katzen wühlen müssen. Und daraus auf die Umstände in der längst untergegangenen Gesellschaft schließen. Oje. …

Gemeinsamkeit: auch bei der Flucht vor Vergänglichkeit werden keine Entscheidungen getroffen. Es wird kurzerhand alles dokumentiert. Wahllos. Ohne Auswahl oder Filter — ohne Gedanke. Auch, weil es geht. Weil es möglich ist. Endpunkt: Belanglosigkeit. Die Angst vor Endgültigem und die Flucht vor Vergänglichkeit münden in Ununterscheidbarkeit und Gleichgültigkeit. Alles geht, alles ist gleich, alles ist egal. Fatal.

Was hilft (helfen könnte, Konjunkitv!): nachdenken, entscheiden, dabei bleiben, wenn’s nicht klappt von vorne beginnen. Das ist wesentlich unterhaltsamer und nimmt so bisschen den unangenehmen Druck raus. Einfach mal drauf ankommen lassen und dann das Beste draus machen. Platz für Experimente lassen. Platz für Fehler. Platz für Neuanfänge. Was bleibt uns denn sonst übrig? Kontrolle ist Illusion und gar nicht ist schlimmer als schlecht.

  • Philipp J. Schmidt

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