Du sollst Dir kein Bildnis machen …

Von der Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit und der Suche nach dem Sinn

Sich verbunden mit anderen fühlen, ist etwas Schönes. Das Gefühl verleiht dem Leben Sinnhaftigkeit und Sicherheit, die wir alle schätzen. Leider fühlen sich die meisten Menschen nicht mit anderen Menschen generell verbunden, noch weniger profitieren andere Lebewesen und die Umwelt von diesem Gefühl der Verbundenheit.

Bereits in frühster Zeit schlugen sich die Menschen gegenseitig die Schädel ein – die Archäologie bringt es immer wieder an den Tag. Berühmtes Beispiel im Südwesten ist der Fund der Jungsteinzeitmenschen in Talheim bei Heilbronn, der als »Massaker von Talheim« in die Annalen einging. Die Skelette der neun Männer, sieben Frauen und zwei Erwachsene unbestimmten Geschlechts sowie 16 Kinder und Jugendlichen im Alter von zwei bis 20 Jahren weisen allesamt Schädelverletzungen auf. Forscher vermuten, dass die Menschen im Schlaf überfallen und auf der Flucht erschlagen wurden. In dieser Zeit des Übergangs von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern, etwa 4500 bis 4500 v. Chr., so sollte man meinen, gab es doch Platz genug, den sich die Menschen teilen konnten.

Heute leben etwa 7,28 Milliarden Menschen auf unserem Planeten, Tendenz steigend. Die meisten Menschen versuchen, das Zusammenleben zu meistern, auch wenn es anscheinend nicht viel braucht, »um den inneren Gorilla im Menschen loszulassen«, wie es der Psychologe und Philosoph Carlo Strenger formuliert: Es brauche vor allem »eine Ideologie, welche die Menschheit auf klarste Art in Stammeszugehörige und die Anderen spaltet – und der >Andere< ist dann immer eine Form des Untermenschen: Er glaubt an die falsche Religion, gehört der falschen Nation oder Rasse an und hat deshalb kein Lebensrecht.« Mitunter ist auch das Geschlecht ausschlaggebend, das über Tod oder Leben, Unterdrückung oder Freiheit entscheidet.

Arme Welt. Kein Land und kein Zeitalter scheinen vor diesen Verirrungen gefeit. Stichwort Holocaust, Völkerkrieg in Jugoslawien, Genozid in Ruanda – um nur wenige Beispiele jüngeren Datums zu nennen. In manchen Kriegen bekämpfen sich unterschiedliche Ethnien, in anderen Angehörige verschiedener religiöser Gruppen, in Ruanda waren es die Ärmeren gegen die Wohlhabenderen, deren Einteilung überdies die ehemaligen Kolonialherren zu verantworten hatten. Indes, wenn man genauer hinschaut, wird deutlich, dass es stets um Macht geht und um Besitz, der mit Macht verbunden ist. Und um die Angst, die Macht zu verlieren und den Willen, sie zu zementieren. Und wohl, so scheint es jedenfalls, ist es dem Mensch versagt, aus den Fehlern seiner Vorfahren zu lernen. Die Schwarmintelligenz greift hier nicht – selbst im Zeitalter des Internets, wo sich keiner mehr hinter dem Sätzchen verstecken kann, das habe er/sie nicht gewusst. In unserer Wissensgesellschaft hat jeder die Chance, sich Informationen verschaffen. Nur, das »Sich-selbst-ein-Urteil-bilden« klappt nicht so gut. Denn die meisten filtern ihre Infos, recherchieren lediglich in Medien und Portalen, die ihre Ansicht teilen und glauben nur diesen Quellen. Angesichts der Informationsflut ist das kein Wunder.

Die Sehnsucht nach Sicherheit und Identität stiftendem Halt ist größer denn je. Genauso verhält es sich mit der Angst vor dem Fremden. Ob es nun die Angst der Einheimischen vor den von außen kommenden ist – derzeit bewegt die Debatte um die Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern, etwa afrikanischen, die Gemüter. Oder ob es der Hass der selbst ernannten Gotteskrieger, der Dschihadisten, mal wieder gegen die »Ungläubigen« ist.

Kriege im Namen Gottes werden immer wieder geführt. Gott, Allah, Jahwe muss für vieles herhalten. Der Glaube wird zur Ideologie mit Absolutheitsanspruch, die weder Andersdenkende noch Kritik oder gar Satire verträgt. Fundamentalisten sehen in der Gewalt ein probates Mittel, um ihre Ideen und damit ihre Interessen durchzusetzen. Auch sie nutzen verstärkt und eifrig das Internet, um ihre Botschaft zu verkünden und Angst mit Gewalt zu säen.

In der aktuellen Debatte etwa um den IS-Terror fordern dann auch nicht Wenige die Abschaffung jeglicher Religion – was etwas fantastisch anmutet, angesichts des Bedürfnisses der Menschheit nach einem Sinn im Leben. Der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph merkt in der Neuen Zürcher Zeitung an: »Dabei [bei dieser Forderung] gerät allerdings der positive Beitrag, den Religionen zur Grundlegung von Gesellschaften leisten, völlig aus dem Blickfeld. Er existiert jedoch, denn jede Gesellschaft, auch die demokratische, baut auf ethischen Grundlagen auf, die unter anderem von religiösen Überzeugungen gelegt wurden.« Und, um das klar zu stellen: Es gibt einen ausschlaggebenden Unterschied zwischen einer Religion und einer Ideologie. Erstere liefert den Menschen einen Halt, die zweite ein Bild, an dem es nichts zu deuten und zu rütteln gibt. Wandel und Entwicklung lässt das Bild nicht zu. Und wie heißt es so schön in den heiligen Schriften? »Du sollst dir kein Bildnis machen!«

Rudolph verweist bei der Suche nach Gründen für die Gewaltbereitschaft auf verschiedene Aspekte, neben religiösen und ideologischen Aspekten seien politische Konstellationen (wie die autoritären Regime in islamischen Ländern und noch immer die Folgen von Kolonisation und Dekolonisierung), soziale Probleme (Spaltung der Gesellschaften, Ungerechtigkeit), Fragen der Psychologie und der Bildung ausschlaggebend. Indes sind Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundene Anerkennung von Seiten der Mitstreiter, klare Regeln, Ausübung von Macht und eventuell die berühmten 15 Minuten Ruhm für die meisten Menschen verlockend – und womöglich auch in gewissem Maß notwendig. Die Frage bleibt, wie sich diese Notwendigkeiten in positive Kräfte umwandeln lassen – zum Wohl aller Menschen, Lebewesen und der Umwelt.

»Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. …tief aber und radikal ist immer nur das Gute«, schreibt die Philosophin Hannah Arendt zur Verteidigung ihrer Abhandlung zum Eichmann-Prozess. Radikal Gutes tun wäre wohl ein Ausweg. »Wir müssen falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben«, sagt der Philosoph Michael Schmidt-Salomon. Schön wär’s.

  • Eva Maria Schlosser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.