30 Prozent System, 70 Prozent Mensch

Boris_Grundl_Bühne

In seinen Büchern beschreibt Boris Grundl guten Führungsstil, prangert die »Diktatur der Gutmenschen« an, propagiert »Steh auf! Bekenntnisse eines Optimisten« oder warnt – aktuell – davor, sich mit dem Wunsch an andere »Mach mich glücklich « selbst zu täuschen. Der Management-Trainer, der seit seinem 25. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und es vom Hartz IVEmpfänger zum international gefragten Coach gebracht hat, erklärt, wie wir dem Leben im Konjunktiv entfliehen.

 

»Man müsste«, »Man sollte«, »Man könnte« – derlei Formulierungen scheinen im Geschäfts- und im Privatleben wie in der Politik an der Tagesordnung. Leben wir in einer Zeit des Konjunktivs?

Um dies zu beantworten, müssen wir uns mit der Sprache beschäftigen. Was bedingt die Form des Konjunktivs, welche Motive stecken dahinter? Gehirnforscher haben durch die Existenz der Spiegelneuronen nachgewiesen wie intensiv wir andere auf emotionaler Ebene wahrnehmen und imitieren können. Heute gehen die Wissenschaftler von einem komplexen System von Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn aus. Das führt zu emphatischen Fähigkeiten. Schon von klein an spiegeln wir die Reaktionen unserer Eltern. Wir lernen als Kinder, ob wir uns erst einmal mit Weinen beschäftigten, wenn wir hinfallen, weil unsere Mutter oder unser Vater überreagiert haben – oder ob wir wieder aufstehen und weitergehen. Sehr früh bauen wir also die Fähigkeit auf, andere Menschen wahrzunehmen.

Daraus folgt?

Durch unsere Empathie erkennen wir die Defizite anderer sehr schnell. Treffen wir etwa ein anderes Paar, spüren wir, was in deren Beziehung stimmt oder nicht. Das führt schnell dazu, dass wir uns den anderen überlegen fühlen. Das heißt noch lange nicht, dass dem so ist. Dann entsteht durch die Fähigkeit, Defizite anderer Menschen wahrzunehmen und uns zu vergleichen eine Überlegenheitsillusion. Diese sagt uns – bleiben wir beim Beispiel des Paares – »bei den beiden ist aber der Wurm drin, meine Beziehung ist besser«. Im Geschäftsleben würde das uns vielleicht zu dem Schluss bringen, ich leiste mehr als jemand anderes, ich müsste auch mehr verdienen.

Das bedeutet für den Konjunktiv?

Das Wahrnehmen, die Überlegenheitsillusion, gepaart mit einem – gerade in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgeprägten – Dominanzstreben auch bei alltäglichen Dingen, lässt uns denken, wir wüssten Bescheid und hätten Lösungen. Doch um Dinge wirklich zu ändern, braucht es Einfluss und Macht. Und die meisten haben das nicht, sie fühlen sich machtlos. Und um etwas zu ändern, müssten sie sich einbringen, aktiv werden und anstrengen. Aus der Spannung »so müsste es laufen« und »ich kann ja nichts ändern« folgt als logische Konsequenz der Konjunktiv.

In Baden-Württemberg gibt es – bundesweit gesehen – mehr ehrenamtlich Engagierte als anderswo. Haben die Konjunktivnutzer, die alles besser wissen, nicht einfach Angst vor der Verantwortung und flüchten sich in den verbalen Eskapismus?

Wichtig ist, auf die Situation vorurteils- und vorwurfsfrei und damit klar zu blicken. Die Konjunktivnutzer wissen, wenn sie aktiv werden würden, müssten sie Verantwortung übernehmen. Und das ist ein enormer Kraftakt. Ein Beispiel: Wenn ich denke, dass der Vertrieb in meiner Firma schlecht läuft und ich könnte es besser, dann müsste ich mich eigentlich in die Position der Vertriebsleitung bringen. In der Kita oder in der Schule wiederum müsste ich mich an die Spitze des Elternbeirats wählen lassen, um Einfluss zu gewinnen. Aber jeder Lehrer, jede Lehrerin kennt: In der Regel schauen alle auf den Fußboden, wenn es um die Kandidatenlisten der Beiratswahlen geht.

Aber diese Position ist doch besser als nur besserwisserisch herumzunörgeln!

Andersherum gilt aber: Diese Position ist anstrengend und sehr undankbar. Es gibt so viele, die einen dann statt zu unterstützen kritisieren, selbst alles besser wissen – im Konjunktiv. Dafür gibt es zig Beispiele in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Es gibt 82 Millionen Fußballbundestrainer auf dem Sofa. Aber nur einen Jogi Löw, der den Druck in einen Titel verwandelt hat. Fragen Sie ihn einmal, wie oft er kritisiert wurde. Der Titel ist sicher für ihn ein emotionaler Befreiungsschlag. Aber nur bis zur Europa-
meisterschaft …

Nach Soziologen, Psychologen oder Philosophen wie Peter Sloterdijk über- fordert uns die multioptionale Gesellschaft. Macht die Freiheit uns krank oder müssen wir nur lernen, mit ihr umzugehen?

Nach dem Philosoph Martin Heidegger – verkürzt gesprochen – erwächst Angst aus der Freiheit zur Entscheidung. Entscheiden zu können, bedeutet frei zu sein. In Ägypten geben Menschen ihr Leben, damit andere in Zukunft wählen dürfen, bei uns lag kürzlich die Wahlbeteiligung in Sachsen- Anhalt bei nicht mal 50 Prozent. Das ist eine Frechheit! Doch Freiheit erfordert eine Verantwortung, die wir für jede Entscheidung übernehmen: Denn unsere Entscheidungen kommen als Bumerang vom Leben zurück. Also, Freiheit meint Entscheidungsfähigkeit, das bedeutet Verantwortung. Das Problem: Wir wollen das Positive der Freiheit, aber wir wollen nicht den Preis – das vermeintlich Negative – dafür bezahlen, ergo der Konjunktiv. In der Wirkung übernimmt dann ein Teil der Menschen immer mehr Verantwortung, während der andere Teil immer mehr Verantwortung abgibt. Dadurch geht die Schere konstant weiter auseinander.

Woran liegt das?

Das hat viele Gründe, historische, wie jeweils individuell familiäre. Jeder von uns trägt sein Päckchen von klein auf mit sich, das ist einfach so – ohne Eltern oder Umstände dafür Vorwürfe machen zu wollen. Aber das Leben zeigt, auch Menschen aus widrigsten Umständen schaffen es nach oben. Irgendwann muss ich als Erwachsener Verantwortung für mich übernehmen und fragen, wie ich mein Leben transformieren kann. Wie erkenne ich hemmende Prägungen aus der Vergangenheit und werde davon frei? Ein Manko unserer Gesellschaft ist sicher auch unser Perfektionismus und unsere schwach entwickelte Fehlerkultur. Wer entscheidet, macht auch Fehler. Es muss möglich sein, diese zu revidieren. Bei uns herrscht immer noch eine alte Denke. Fehler müssen um jeden Preis vermieden werden – und wenn sie passieren, werden sie möglichst totgeschwiegen. Inwieweit dies alles nun systembedingt ist, uns also die multioptionale Gesellschaft überfordert, darüber kann man sich trefflich streiten. Während Sloterdijk eher über die Schwäche des Systems argumentiert, ist mein Ansatz das Individuum. Mein Plädoyer lautet: Schau in den Spiegel und erlange durch Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit Freiheit.

Wie viel Einfluss hat das System, wie viel das Individuum?

Sollte ich es in Prozenten ausdrücken, würde ich sagen 30 Prozent sind systembedingt, 70 Prozent bedingt der Mensch. Jedoch nur in unseren demo- kratisch sehr gefestigten Kulturen! In Regimes und Diktaturen sind 95 Prozent systembedingt. Doch wenn hier in Europa eine Veränderung vom Individuum ausgeht, kann sie ins Kollektiv überschlagen und das System umformen. Die Wende ist ein gutes Beispiel, die Menschen haben diese vollbracht. Zwar hat in der einstigen DDR das System dem Individuum viele Entscheidungen abgenommen, dennoch war die soziale Norm, der menschliche Zusammenhalt stärker. In der BRD wiederum war die Marktnorm stärker. Im Westen hätten wir von der sozialen Norm der DDR lernen sollen, indes haben wir unsere Marktnorm in den Osten gebracht. Und dort war es für die Menschen schwer, plötzlich Entscheidungen zu treffen – sie waren das ja nicht gewohnt.

Wie lernen wir also Entscheidungen zu treffen und dem konjunktiven »Aussitzen «, wie es auch so mancher in der Politik vorlebt, zu entkommen?

Mit vier einfachen Steuerungsknöpfen: Ziele und Selbstverantwortung, Wissen und Erfahrung. Wer Ziele verinnerlicht gepaart mit Selbstvertrauen hat, ist engagiert und emotional aufgeladen: Der Antrieb ist da, sich verantwortlich zu engagieren. Dazu braucht es wiederum Wissen und Erfahrung, was letztlich die Kompetenz eines Individuums ausmacht. Alle vier Punkte gehören zusammen. Wenn jemand wahnsinnig ambitioniert ist, aber kein Wissen hat, nutzt das genauso wenig, wie jemand mit Wissen, aber ohne Lust, es anzuwenden.

Wie können die vier Steuerungsknöpfe in Alltag, Politik oder Unternehmen und von so manchen Zeitgenossen in der Narzissmusfalle umgesetzt werden?

Gleich ob Chef, Sekretärin, Abteilungsleiter oder Mitarbeiter: Bedienen Sie nie deren Narzissmus und überzogenes Ego, das führt zur gegenseitigen emotionalen Prostitution. Durch mangelnden Selbstwert benutzen manche ihr Smartphones mittels ständiger Erreichbarkeit als Selbstbestätigungsfalle – und beklagen sich dann, dass alle was von ihnen wollen. Man kann einfach sein Telefon ausschalten! Das Zeichen ist damit nicht, dass sie gerne Verantwortung übernehmen, sondern »Ich will gebraucht werden und wichtig sein«. Eine starke Führungskraft leitet nicht von oben herab über Angst, sondern über Sinn: Er oder sie muss sich in Gesprächen ein Bild über die inneren Ziele, das Wissen und die Erfahrung der Mitarbeiter bilden und mit Sinn verknüpfen. So können gemeinsam mit den Mitarbeitern Dinge entwickelt werden – und daraus entsteht eine enorme Dynamik.

Apropos Angst, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel spricht vom Konjunktiv als Feind des Mutes und dass wir in einer Angstgesellschaft lebten. Sie sprechen von der Angst vor der Angst. Wie entkommen wir diesem Teufelskreis?

Schüssel hat Recht. Mit Angst kann man prima herrschen und unterdrücken. Ängste haben wir alle, evolutionsbiologisch sind sie ein Schutzmechanismus, der die Sinne schärft. Aber: Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Heute bestimmen vor allem Konventionen der Gesellschaft unsere Ängste. Angst vor Krankheit, Angst vor Verlust des Ansehens, Angst vor Ablehnung oder die Angst vor der Angst. Was bleibt beispielsweise von uns, wenn all die Statussymbole fehlen, das Smartphone, der Flitzer, das Haus, die Designerklamotten? Da sind wir bei der Substanz und der Frage, ob ich mehr Herr oder Sklave meiner Ängste bin. Verstecken geht dabei nicht mehr. Denn durch die sozialen Medien nimmt die Transparenz zu; ob ich mal über die Strenge schlage, oder eine Doktorarbeit abschreibe, immer mehr kommt heraus. Umso mehr steigt der Wunsch nach Menschen mit Substanz und Authentizität. Umso mehr wird Aufrichtigkeit zu einer starken Währung. Hier sind wir wieder am Anfang: Wir sollten nicht so sehr die anderen anschauen und ihre Authentizität bewerten, sondern ehrlich zu uns selbst sein. Das ist das schwierigste. Doch daraus kann Selbstverantwortung und damit Substanz folgen.

  • Petra Mostbacher-Dix

http://grundl-akademie.de

Hätte, hätte, Fahrradkette

Es könnte ja, es könnte ja. Also ich könnte ja. Ja, vielleicht.

Könnte ich. Also wenn man mich ließe. Sicherlich, ja. Dann

  1. Wenn man mich, dann könnte ich. So richtig könnt’ ich

dann. Also so alles so. Könnt’ ich dann. Alles. Nämlich.

Schlicht alles könnt’ ich. Dann. Wenn.

Aber alles ist halt auch viel.

Alles ist immer viel.

Alles ist meistens zu viel.

Für die meisten ist alles zu viel.

 

Die Multioptionsgesellschaft hat das Problem der fehlenden Eindeutigkeit. Alles ist möglich und vor allem muss alles möglich sein. Immer und auch bleiben. Zu jedem Zeitpunkt muss jede Option gegeben sein. Am besten für immer. Sich festlegen bedeutet Möglichkeiten einzubü.en. Aufzugeben. Zu verlieren. Jede getroffene Entscheidung schließt alle anderen, nicht getroffenen aus. Jedes Ja bedeutet unendlich viele Neins. Furchtbare Konsequenz der Kausalität.

Im Detail heißt das: Jeder kann, jeder darf, jeder will und jeder soll alles können, dürfen, wollen und sollen. Immer und überall. Alle müssen können, alle sollen wollen. Keiner darf nicht können. Nicht wollen schon gar nicht. Die Multioptions-Chance wird zum Multioptions-Zwang, woraus der Druck (außen) und der Anspruch (innen) erwächst, dass auch jeder muss, was er kann. Im Mindesten müsste, was er könnte. Eben seine Möglichkeiten auch nutzen. Wenn er sie schon hat. Nichts verschwenden, nichts verschenken. Keine Chance verpassen. Immer das Beste aussuchen. Immer das Richtige tun. Ganz einfach: den perfekten Weg durchs Leben finden, anhand stets richtiger Entscheidungen.

Das kann ja nur schief gehen. Es muss. Und es darf. Das weiß aber nicht jeder. Die Angst, sich falsch zu entscheiden lastet schwer und erzeugt automatisch und unausweichlich Ziel- und Orientierungslosigkeit. Alternativlos. Das unausgesetzte Offenhalten aller Wahlmöglichkeiten führt zur Enthaltung. Vom Leben, pathetisch formuliert.

Feste Bindungen, Verantwortung und Konsequenz sind dabei nämlich nur hinderlich. Können nichts anderes sein als hinderlich. Sehen schon von weitem nicht gut aus. Stehen nur im Weg rum, nehmen Platz weg und werden weiträumig gemieden. Oft genug schlicht ignoriert. Nicht als Option wahrgenommen. Nicht als Möglichkeit akzeptiert. Damit irrelevant. Nicht auf der Liste, nicht existent. Endgültigkeit darf nicht sein und kann eben deswegen auch nicht sein.

Ebensowenig auf dem Wahlzettel steht allerdings Vergänglichkeit. Sie wird ebenso gefürchtet und durch Ignoranz gemieden wie Endgültigkeit. Alles wird dokumentiert, alles wird festgehalten. Gespeichert und abgelegt für wen auch immer. Für eine potentielle Nachwelt, die ein potentielles Interesse daran haben könnte. Unter Umständen. Eventuell. Möglicherweise. Aber eher nicht. Alles bleibt ohne Konsequenzen, ohne Folgen, ohne Wirkung. Archäologen der Zukunft werden nicht das Problem haben, dass sie nur ein paar vertrocknete Scherben finden und sich daraus ableiten müssen, wie die Römer auf dem Klo saßen. Nein, sie werden sich durch Abermillionen identischer Photos von Essen und Katzen wühlen müssen. Und daraus auf die Umstände in der längst untergegangenen Gesellschaft schließen. Oje. …

Gemeinsamkeit: auch bei der Flucht vor Vergänglichkeit werden keine Entscheidungen getroffen. Es wird kurzerhand alles dokumentiert. Wahllos. Ohne Auswahl oder Filter — ohne Gedanke. Auch, weil es geht. Weil es möglich ist. Endpunkt: Belanglosigkeit. Die Angst vor Endgültigem und die Flucht vor Vergänglichkeit münden in Ununterscheidbarkeit und Gleichgültigkeit. Alles geht, alles ist gleich, alles ist egal. Fatal.

Was hilft (helfen könnte, Konjunkitv!): nachdenken, entscheiden, dabei bleiben, wenn’s nicht klappt von vorne beginnen. Das ist wesentlich unterhaltsamer und nimmt so bisschen den unangenehmen Druck raus. Einfach mal drauf ankommen lassen und dann das Beste draus machen. Platz für Experimente lassen. Platz für Fehler. Platz für Neuanfänge. Was bleibt uns denn sonst übrig? Kontrolle ist Illusion und gar nicht ist schlimmer als schlecht.

  • Philipp J. Schmidt

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