Du sollst Dir kein Bildnis machen …

Von der Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit und der Suche nach dem Sinn

Sich verbunden mit anderen fühlen, ist etwas Schönes. Das Gefühl verleiht dem Leben Sinnhaftigkeit und Sicherheit, die wir alle schätzen. Leider fühlen sich die meisten Menschen nicht mit anderen Menschen generell verbunden, noch weniger profitieren andere Lebewesen und die Umwelt von diesem Gefühl der Verbundenheit.

Bereits in frühster Zeit schlugen sich die Menschen gegenseitig die Schädel ein – die Archäologie bringt es immer wieder an den Tag. Berühmtes Beispiel im Südwesten ist der Fund der Jungsteinzeitmenschen in Talheim bei Heilbronn, der als »Massaker von Talheim« in die Annalen einging. Die Skelette der neun Männer, sieben Frauen und zwei Erwachsene unbestimmten Geschlechts sowie 16 Kinder und Jugendlichen im Alter von zwei bis 20 Jahren weisen allesamt Schädelverletzungen auf. Forscher vermuten, dass die Menschen im Schlaf überfallen und auf der Flucht erschlagen wurden. In dieser Zeit des Übergangs von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern, etwa 4500 bis 4500 v. Chr., so sollte man meinen, gab es doch Platz genug, den sich die Menschen teilen konnten.

Heute leben etwa 7,28 Milliarden Menschen auf unserem Planeten, Tendenz steigend. Die meisten Menschen versuchen, das Zusammenleben zu meistern, auch wenn es anscheinend nicht viel braucht, »um den inneren Gorilla im Menschen loszulassen«, wie es der Psychologe und Philosoph Carlo Strenger formuliert: Es brauche vor allem »eine Ideologie, welche die Menschheit auf klarste Art in Stammeszugehörige und die Anderen spaltet – und der >Andere< ist dann immer eine Form des Untermenschen: Er glaubt an die falsche Religion, gehört der falschen Nation oder Rasse an und hat deshalb kein Lebensrecht.« Mitunter ist auch das Geschlecht ausschlaggebend, das über Tod oder Leben, Unterdrückung oder Freiheit entscheidet.

Arme Welt. Kein Land und kein Zeitalter scheinen vor diesen Verirrungen gefeit. Stichwort Holocaust, Völkerkrieg in Jugoslawien, Genozid in Ruanda – um nur wenige Beispiele jüngeren Datums zu nennen. In manchen Kriegen bekämpfen sich unterschiedliche Ethnien, in anderen Angehörige verschiedener religiöser Gruppen, in Ruanda waren es die Ärmeren gegen die Wohlhabenderen, deren Einteilung überdies die ehemaligen Kolonialherren zu verantworten hatten. Indes, wenn man genauer hinschaut, wird deutlich, dass es stets um Macht geht und um Besitz, der mit Macht verbunden ist. Und um die Angst, die Macht zu verlieren und den Willen, sie zu zementieren. Und wohl, so scheint es jedenfalls, ist es dem Mensch versagt, aus den Fehlern seiner Vorfahren zu lernen. Die Schwarmintelligenz greift hier nicht – selbst im Zeitalter des Internets, wo sich keiner mehr hinter dem Sätzchen verstecken kann, das habe er/sie nicht gewusst. In unserer Wissensgesellschaft hat jeder die Chance, sich Informationen verschaffen. Nur, das »Sich-selbst-ein-Urteil-bilden« klappt nicht so gut. Denn die meisten filtern ihre Infos, recherchieren lediglich in Medien und Portalen, die ihre Ansicht teilen und glauben nur diesen Quellen. Angesichts der Informationsflut ist das kein Wunder.

Die Sehnsucht nach Sicherheit und Identität stiftendem Halt ist größer denn je. Genauso verhält es sich mit der Angst vor dem Fremden. Ob es nun die Angst der Einheimischen vor den von außen kommenden ist – derzeit bewegt die Debatte um die Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern, etwa afrikanischen, die Gemüter. Oder ob es der Hass der selbst ernannten Gotteskrieger, der Dschihadisten, mal wieder gegen die »Ungläubigen« ist.

Kriege im Namen Gottes werden immer wieder geführt. Gott, Allah, Jahwe muss für vieles herhalten. Der Glaube wird zur Ideologie mit Absolutheitsanspruch, die weder Andersdenkende noch Kritik oder gar Satire verträgt. Fundamentalisten sehen in der Gewalt ein probates Mittel, um ihre Ideen und damit ihre Interessen durchzusetzen. Auch sie nutzen verstärkt und eifrig das Internet, um ihre Botschaft zu verkünden und Angst mit Gewalt zu säen.

In der aktuellen Debatte etwa um den IS-Terror fordern dann auch nicht Wenige die Abschaffung jeglicher Religion – was etwas fantastisch anmutet, angesichts des Bedürfnisses der Menschheit nach einem Sinn im Leben. Der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph merkt in der Neuen Zürcher Zeitung an: »Dabei [bei dieser Forderung] gerät allerdings der positive Beitrag, den Religionen zur Grundlegung von Gesellschaften leisten, völlig aus dem Blickfeld. Er existiert jedoch, denn jede Gesellschaft, auch die demokratische, baut auf ethischen Grundlagen auf, die unter anderem von religiösen Überzeugungen gelegt wurden.« Und, um das klar zu stellen: Es gibt einen ausschlaggebenden Unterschied zwischen einer Religion und einer Ideologie. Erstere liefert den Menschen einen Halt, die zweite ein Bild, an dem es nichts zu deuten und zu rütteln gibt. Wandel und Entwicklung lässt das Bild nicht zu. Und wie heißt es so schön in den heiligen Schriften? »Du sollst dir kein Bildnis machen!«

Rudolph verweist bei der Suche nach Gründen für die Gewaltbereitschaft auf verschiedene Aspekte, neben religiösen und ideologischen Aspekten seien politische Konstellationen (wie die autoritären Regime in islamischen Ländern und noch immer die Folgen von Kolonisation und Dekolonisierung), soziale Probleme (Spaltung der Gesellschaften, Ungerechtigkeit), Fragen der Psychologie und der Bildung ausschlaggebend. Indes sind Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundene Anerkennung von Seiten der Mitstreiter, klare Regeln, Ausübung von Macht und eventuell die berühmten 15 Minuten Ruhm für die meisten Menschen verlockend – und womöglich auch in gewissem Maß notwendig. Die Frage bleibt, wie sich diese Notwendigkeiten in positive Kräfte umwandeln lassen – zum Wohl aller Menschen, Lebewesen und der Umwelt.

»Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. …tief aber und radikal ist immer nur das Gute«, schreibt die Philosophin Hannah Arendt zur Verteidigung ihrer Abhandlung zum Eichmann-Prozess. Radikal Gutes tun wäre wohl ein Ausweg. »Wir müssen falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben«, sagt der Philosoph Michael Schmidt-Salomon. Schön wär’s.

  • Eva Maria Schlosser

Alternativen auf dem Reißbrett

IM-BW_0221 Kopie

Die Zahlen der Flüchtlinge und der Asylbewerber steigen. In Baden-Württemberg soll es mehr Landeserstaufnahmestellen geben, insgesamt sechs, die Asylverfahren sollen beschleunigt werden. Ein Gespräch mit Integrationsministerin Bilkay Öney über Zuwanderung.

Jenseits pragmatischer Fragen wie Infrastruktur bedeutet Migration auch kulturelle Herausforderungen. Pegida ist eine Folge. In Stuttgart stellten sich zehnfach mehr Menschen den ersten Pegida-Demonstranten entgegen. Macht das Mut?

Baden-Württemberg ist das Flächenland mit dem höchsten Migrantenanteil. In Stuttgart leben sogar fast 40 Prozent mit einem sogenannten Migrationshintergrund. Dadurch kommt jeder von uns täglich mit anderen Kulturen in Berührung, zum Beispiel bei der Arbeit, in der Schule, in der Nachbarschaft. Diese Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander baut diejenigen Ängste ab, die die Pegida-Anhänger offenbar noch in sich tragen. Sicherlich trägt auch die gute wirtschaftliche Situation in Baden-Württemberg dazu bei. Das heißt aber noch lange nicht, dass es nicht auch hierzulande Probleme gibt. Bei der Integration gibt es weiterhin viel zu tun. Ich denke dabei etwa an die Flüchtlinge mit einer Bleibeperspektive. Ihnen wollen wir insbesondere über die Sprachförderung den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern.

Wie wichtig sind hier freie Träger, Bürgerinitiativen, Freiwillige?

Die Politik kann Rahmenbedingungen für eine gute Integrationspolitik schaffen, Integration können wir aber nicht von oben verordnen. Neben den Hauptamtlichen leisten auch viele Ehrenamtliche vor Ort einen ganz wichtigen Beitrag zur menschenwürdigen Aufnahme sowie der integrativen Einbindung von Flüchtlingen und geben ihnen das Gefühl, dass sie hier willkommen sind.

Im Mai 2015 kamen die meisten Erstantragssteller aus Syrien, dann Albanien, Gambia, Mazedonien, Afghanistan, Irak, der Kosovo, Nigeria und Serbien vor anderen. Noch im April waren es mehr Albaner und Kosovaren. Viele Flüchtlinge sind aus so genannten »sicheren Herkunftsländern«, die Asylsuchenden damit Wirtschaftsflüchtlinge. Ist der Begriff nicht anachronistisch, wenn in diesen Ländern bittere Armut, Nepotismus, Korruption herrscht?

Die Gründe, weshalb etwa viele Kosovaren ihre Heimat verlassen, sind zwar durchaus verständlich. Armut allein reicht aber nicht für die Anerkennung als Asylberechtigter. Das ist gesetzlich geregelt, und das Asylrecht sollte auch weiter den Menschen vorbehalten bleiben, die politisch verfolgt werden. Sinnvoll wäre es, Wege einer legalen Einwanderung transparent aufzeigen. Wir haben laut OECD eines der liberalsten Zuwanderungssysteme innerhalb der OECD-Staaten, nur sind unsere Regeln offenbar nicht so bekannt und schwer verständlich. Sonst würden zumindest qualifizierte Menschen möglicherweise auch den Weg der legalen Arbeitsmigration gehen. Das ist das Eine. Das Andere ist, dass im Bereich der Bekämpfung von Fluchtursachen mehr getan werden kann und muss. Hier sind Bund und die Europäische Union gefragt. Sie könnten etwa mehr tun, damit Minderheiten wie Roma EU-weit nicht mehr diskriminiert werden. Das sind indes langfristige Maßnahmen.

Sie sagten einmal, dass das Integrationstempo bei den »klassischen Gastarbeitern« ein anderes war als bei den jetzigen Flüchtlingen aus Südeuropa. Wann stimmt dieses?

Das Integrationstempo stimmt dann, wenn wir den Menschen, die hierbleiben dürfen, möglichst schnell den Zugang zum Arbeitsmarkt und zum gesellschaftlichen Leben öffnen. Das Tempo ist beeinflussbar durch Integrationsangebote, die zum einen geschaffen und zum anderen von den Zuwanderern aktiv genutzt werden müssen. Integration verlangt auch eigene Anstrengungen.

Nicht überall funktionieren die Integrationskurse des Bundes. In Baden-Württemberg will man zudem die sprachlichen und beruflichen Qualifikationen der Flüchtlinge erfassen …

Je früher wir die Menschen fit für den Arbeitsmarkt machen, desto schneller können sie auf eigenen Beinen stehen. Das ist nicht nur für das Selbstwertgefühl der Menschen wichtig, sondern entlastet auch unsere Kassen. In Baden-Württemberg arbeiten wir da bereits an den richtigen Stellschrauben.

Wann ist jemand integriert?

Im Unterschied zu früheren Integrationsdebatten, in denen es manchmal mehr um Anpassung als um Integration ging, stehen heute Vielfalt, Chancen und Teilhabe im Mittelpunkt. Es gilt, die Vielfalt unserer Gesellschaft zu akzeptieren und zu respektieren. Das gilt auch für die Unterschiede innerhalb Deutschlands, für die unterschiedlichen Lebensstile und Einstellungen. Politik hat den Auftrag, allen Menschen, so verschieden sie auch sind, die gleichen Chancen zu eröffnen. Wenn uns das gelingt, können wir von erfolgreicher Integration sprechen.

Sie sprachen sich gegen unbegrenzte Zuwanderung aus, aber für das Zuwanderungsgesetz beziehungsweise für transparentere Zuwanderungsregeln. Wie geht Zuwanderung?

Die meisten Menschen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen, sind EU-Bürger. Sie wären von einem Zuwanderungsgesetz wegen der EU-Freizügigkeitsregelung also gar nicht betroffen. Auch auf die Heiratsmigration und die Flüchtlingszugänge haben wir keinen Einfluss. Für qualifizierte Menschen aus Drittstaaten wäre ein transparentes und leicht verständliches Zuwanderungsgesetz als eine Art Kompendium durchaus sinnvoll.

In Deutschland werden Flüchtlinge nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt. Hier ist Baden-Württemberg an dritter Stelle. Manche fordern, dass weniger dicht besiedelte Länder Menschen aufnehmen. Ist der Schlüssel noch sinnvoll – oder sollte er modifiziert werden?

Wenn es nur um leerstehende Gebäude und Landstriche ginge, könnten Teile Ostdeutschlands einen wesentlich größeren Anteil der Flüchtlingsaufnahme leisten. Darum geht es beim Königsteiner Schlüssel aber nicht. Es geht um die Bevölkerungszahl und das Steueraufkommen. Dicht besiedelte Länder haben bei der Unterbringung jedenfalls mit Blick auf die Wohnraumknappheit mehr Schwierigkeiten. Die beiden Länder in der Südachse, also Bayern und Baden-Württemberg, spüren die hohe Zahl an Einreisen in besonderer Weise, da viele Flüchtlinge über den Landweg von Süden her kommen. Der Königsteiner Schlüssel ist, trotz seiner Schwächen, mittlerweile ein akzeptiertes Verfahren, an dem auch niemand rütteln mag.

Im Mittelmeer sind in diesem Jahr bereits 1750 Flüchtlinge ertrunken. Jene, die es nach Italien schafften, protestierten just an der Grenze zu Frankreich, weil nach der Dublin-Verordnung der EU Flüchtlinge in dem Land bleiben müssen, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben. Großbritannien, die baltischen Staaten, Slowakei und Tschechien wehren sich gegen Pläne eines Schlüssels, nach dem die Flüchtlinge auf Europa verteilt würden. Ist die Quote damit verloren?

Auf europäischer Ebene darf der Bund nicht nachlassen, auf eine faire Lösung bei der Verteilung der Flüchtlinge in der EU hinzuwirken. Von den derzeit 28 EU-Ländern nehmen nur etwa fünf Flüchtlinge in nennenswerter Zahl auf. Das ist nicht fair und wird auch den Flüchtlingszahlen nicht gerecht. Für das Dublin-System gibt es derzeit allerdings nur Alternativen auf dem Reißbrett. Selbst wenn wir irgendwann zu einem Quotenschlüssel kommen sollten, bräuchten wir auch ein Instrumentarium, um die Einhaltung solcher Quoten durchzusetzen. Dies wiederum kann in einem Europa mit offenen Binnengrenzen nur funktionieren, wenn in den EU-Ländern die Verfahrens- und Sozialstandards für Flüchtlinge weitgehend gleich sind. Darauf müssen wir dringend hinarbeiten. Wir müssen aber auch bereits ansetzen, bevor die Flüchtlinge nach Europa kommen. Sinnvoll erscheinen mir zum Beispiel Migrationsberatungszentren, die mit EU-Geldern geschaffen werden könnten. Oft beruht nämlich die Motivation zur Flucht auf falschen Informationen, die gezielt von Schleppern gestreut werden. Gleichzeitig müssen wir an den Fluchtursachen ansetzen, also etwa Armut und Diskriminierung in den Herkunftsländern bekämpfen sowie die Konflikte dort beilegen. Maßnahmen, die ein entschiedenes Vorgehen und Handeln der Staatengemeinschaft erfordern. Aber auch Geld, Engagement und Ideen.

  • Die Fragen stellte Petra Mostbacher-Dix

 

Der Blick auf’s große Ganze

IMG_5028

Die Landeshauptstadt hat die einmalige Chance, ein neues Viertel zu gestalten. Anfang des Jahres wurde dem Verwaltungsausschuss ein Papier vorgelegt, das vorsieht, die Bürger bei der Entwicklung des sogenannten Rosensteinquartiers, das im Zuge des Megaprojekts Stuttgart 21 freiwerden soll, zu beteiligen. Der Verwaltungs-ausschuss hat OB Fritz Kuhn (Grüne) damit beauftragt, die Voraussetzungen für ein Bürgerbeteiligungsverfahren zu schaffen. Zunächst soll ein Unternehmen gesucht werden, das Vorschläge über Formen der Beteiligung ausarbeiten soll. Danach soll der Auftrag ausgeschrieben und Ideen gesammelt werden. Was von den Ideen der Bürger dann letztendlich übrig bleibt und umgesetzt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Unter anderem eben vom politischen Willen und von finanziellen Gegebenheiten. So sagte etwa Grünen-Chef Peter  Pätzold bei der Beschlussfassung Ende Januar, bezahlbaren Wohnraum zu fordern sei legitim, es bedeute aber auch, auf mehrere Hundert Millionen Euro in der Stadtkasse zu verzichten. Denn will man geförderten Wohnungsbau, müssen die Grundstücke nicht selten unter dem Anschaffungswert verkauft werden.

Bis zum Entscheid werden allerdings noch viele Jahre vergehen. Nun will Pätzold als Bürgermeister für Städtebau und Umwelt kandidieren. Die Stelle ist bereits ausgeschrieben. Mitte Juni will man im Stuttgarter Rathaus entscheiden, wer in die Fußstapfen von Matthias Hahn (SPD) tritt. Dieser gibt sein Amt Ende August ab. Jedenfalls wäre es ein Gewinn, wenn der Neue aus dem Fach kommen würde und den Blick fürs große Ganze hätte. Auf den neuen Baubürgermeister warten zahlreiche Aufgaben: neben dem Rosensteinviertel stehen unter anderem der Neckarpark sowie das Quartier auf dem Pragsattel beim Theaterhaus an. Außerdem natürlich die Themen Verkehr sowie Wohnungsbau und Nachverdichtung. Hier wäre eventuell ein Gestaltungsbeirat, eine Art Expertenrat mit externen Baufachleuten, der in Sachen Architektur und Stadtplanung berät, hilfreich. Viele Städte im Land, etwa Tübingen, Konstanz, Freiburg, Baden-Baden, Mannheim, Karlsruhe und Nürtingen haben einen solchen bereits. Und den Umweltbürgermeister werden überdies das Stadtklima sowie die Kreislaufwirtschaft beschäftigen.

Für die 100 Hektar indes, die derzeit noch von Gleisanlagen gepflastert sind, gibt es auch die Überlegung, dass eine Internationale Bauausstellung durchgeführt werden könnte. Es »können Leitthemen für ein Memorandum formuliert werden, « heißt es in der Beschlussvorlage, »die nicht zuletzt im Rahmen einer späteren Bauausstellung (IBA) konkretisiert und über einen Projektaufruf und einen späteren Werkstattprozess zu den einzelnen Quartieren vertieft werden können. « Dabei gelte es dann auch, den Ausstellungsgedanken selbst weiter zu entwickeln und die Bestimmung der Formate bereits frühzeitig in eine Bürgerbeteiligung einzubetten. Allen voran hatte sich zum Thema IBA die Wirtschaftsregion Stuttgart zu Wort gemeldet, einige Prominente aus der Kulturszene sowie Fachleute aus der Architekturbranche haben unterzeichnet. Das Plädoyer für eine Internationale Bauausstellung Region Stuttgart schloss allerdings die gesamte Region mit ein. Die Unterzeichner regen eine IBA an, die »nicht beschränkt sein wird auf Architektur, Städtebau und Mobilität «. Weitere Leitthemen wie etwa Bildung, Klimaschutz und soziale wie kulturelle Vielfalt sollen ebenso miteinbezogen werden. Doch man lässt offen, ob diese Themen unter dem Label einer IBA umgesetzt werden sollen. Thomas Hermann von der Architektenkammer Baden-Württemberg, der einer Arbeitsgruppe angehört, die ebenfalls das Thema IBA und Entwicklung des Rosensteinquartiers erörtert, sagt: »Derzeit gibt es in Stuttgart viele Initiativen, die versuchen die Stadtplanung und Baukultur hier voranzubringen.« Eine IBA könne helfen, die Messlatte für Qualität der Stadtentwicklung höher zu setzen. Der stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe Stuttgart-Mittlerer Neckar beim Bund Deutscher Architekten, Rolf Heine, sieht es ähnlich: »Wir brauchen in Stuttgart ganz dringend eine Wende in der Stadtentwicklung. In der Landeshauptstadt gibt es viele Baustellen, aber es fehlt die große Perspektive.« Bauausstellungen sind eine Frage des Geldes. Die dürft e in der wirtschaft sstarken Region Stuttgart weniger das Problem sein. Das übergeordnete Thema könnte beim Bürgerbeteiligungsverfahren gefunden werden.

Bürgerbeteiligung ist auch beim Bürgerhaushalt gefragt. Derzeit kann im Internet über die Vorschläge, die Stuttgarts Bürger Anfang des Jahres eingereicht haben, abgestimmt werden. Aber auch in Bürgerbüros, Bezirksrathäusern und Stadtteilbibliotheken liegen Formulare zum Ausfüllen aus. Etwa 3700 Ideen stehen zur Disposition. 100 kommen in die engere Wahl – Kriterium ist die Anzahl der Bewertungen – und werden noch vor der Sommerpause im Gemeinderat diskutiert. Je nach Diskussionslage fi nden die Vorschläge in den Haushaltsanträgen der Fraktionen zum städtischen Doppelhaushalt 2016/2017 ihren Eintrag.

• Eva Maria Schlosser

Bürgerhaushalt Suttgart

 

Jede Dichte ist anders

Innenverdichtung kann Wohnraum schaffen. Die Frage ist nur, wo und wie. Die Aussicht sucht Seinesgleichen. Von dem futuristischen Doppelstockgebäude, das auf das Dach eines Gründerzeitgeb.udes im Stuttgarter Süden gesetzt wurde, reicht der Rundblick weit über Baden-Württembergs Landeshauptstadt. »Ufo« nennen manche Nachbarn die Dachaufstockung, die der Tübinger Architekt Florian Danner entworfen hat: Zwei spiegelgleiche Wohnung mit je 98 Quadratmetern Fläche, als fließend-dynamische Geste gestaltet, bestehend aus einer Holzkonstruktion mit raumhohen Glasfronten sowie Steil-, Schräg- und Flachdachelementen. Sie verbrauchen im Vergleich zu ähnlichen Wohnungen zwei Drittel weniger Energie, passiv wird Sonnenenergie genutzt, die Lüftung funktioniert automatisch. Ein Jahr wurde verhandelt, bis das Bauvorhaben stand. Nachdem sich Danner mit dem Besitzer des Gründerhauses geeinigt hatte, dessen undichtes Dach kostenlos zu sanieren und es dafür als Bauplatz zu nutzen, musste das Stuttgarter Stadtplanungs- und Baurechtsamt von dem Musterprojekt überzeugt werden. Fazit: Die Dachaufstockung wurde vom Bund Deutscher Architekten mit dem Hugo-Häring-Preis, bedeutendster Architekturpreis in Baden-Württemberg, ausgezeichnet.

Ein Zukunftskonzept für Ballungsräume, wo Wohnraum zunehmend knapper und teurer wird? Die Stadt Wien hat diese Form der Verdichtung seit Jahren exemplarisch vorexerziert. Indes summieren sich just dort die Kosten der Dachaufstockungen, weil diese erdbebensicher gemacht werden müssen – das ist nicht für jeden bezahlbar. »Dachaufstockung ist durchaus eine Möglichkeit, Wohnraum nachzuverdichten, gerade wenn die Gebäude unterschiedlich hoch sind«, sagt Franz Pesch, Emeritus des Städtebau-Institut der Universität Stuttgart. »Allerdings keine allgemeingültige. Jede städtebauliche Situation ist anders und man muss diese jeweiligen Dichten immer genau anschauen.« So kann sich der Architekt und Stadtplaner in der Landeshauptstadt Dachaufbauten an der einen oder anderen Stelle vorstellen. Aber Aufstockung als große Strategie funktioniere dort nicht. »Man muss das Wohnungsthema regional angehen und immer über die Stadtgrenzen hinaus denken, wo mitunter besser verdichtet werden kann und dies dann der jeweiligen Stadt und Bautypen entsprechend ausbalancieren«, so der Architekt. »Die Menschen leben regional und kommen beispielsweise von Gebieten wie dem Scharnhauser Park in Ostfildern oder der neu auf dem ehemaligen Bahngelände entstehenden Weststadt in Esslingen schnell mit S-Bahn- Verbindungen nach Stuttgart.«

»Innenverdichtung« wird denn auch im Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg als wichtiges Ziel benannt. Die Innenkerne der Städte und Gemeinden gelte es zu stabilisieren, den zu hohen Flächenverbrauch einzudämmen. Laut Statistischem Landesamt wurde im Jahr 2012 täglich eine Fläche von 6,7 Hektar für Baumaßnahmen beansprucht – ein Jahreszuwachs an Siedlungs- und Verkehrsfläche in der Größenordnung von rund 3.500 Fußballplätzen. Im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (MVI) wurde daher der Faktor des fiktiven Bevölkerungswachstums, der für das Ausweisen neuer Flächen bestimmend ist, von 0,5 Prozent im Jahr auf 0,3 Prozent gekürzt. Damit soll dem demografischen Wandel Rechnung getragen werden – und dem Fakt, dass die Nachfrage nach Single-Wohnung und mehr Wohnfläche in den Städten doch weniger stark anstieg, als zunächst prognostiziert. Ein Grund seien, so Experten, die hohen Preise. Klar ist, es mangelt weniger an Luxusbleiben denn an bezahlbaren Wohnraum – gerade für Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Erzieherinnen und andere Menschen mit gesellschaftlich relevanten Berufen, deren Gehalt nicht mit dem Mietpreisspiegel in Ballungsräumen mithalten kann. Zu den klassischen Themen, um ohne Flächenverbrauch neuen Wohnraum in der Stadt zu schaffen, gehört daher die Schließung von Baulücken. Dies, so Stadtplaner Pesch, bedeute aber nicht, die noch freien Grünfl.chen der Halbhöhenlage mit Geschosswohnungsbau zuzukleistern: »Das macht keinen Sinn, die grünen Zonen machen Stuttgarts Qualitäten aus.« Auch Landschaftsarchitekt Udo Weilacher betont: »Verdichtung heißt, mit den Flächen effizienter umzugehen.« In Zukunft müsse man überlegen, ob mehr Menschen jene Freiflächen, die nur einseitig dem Sport oder zur Dekoration dienten, nutzen könnten. Ein Parkplatz müsse nicht nur 24 Stunden am Tag Parkplatz sein, so Weilacher.  Auch viele Infrastrukturprojekte, etwa Hochwasserschutzanlagen oder Bahngelände, ließen sich mit neuen Stadtgrünprojekten verbinden. Deswegen sieht auch Pesch eine große Chance in der innovativen Umnutzung ehemaliger Büroräume und nicht mehr tauglichen Gewerbefl ächen in den Innenstädten. Werde doch einiges an Gewerbegebäuden gebaut, die eigentlich nicht benötigt würden. »Wie es funktionieren kann, haben die Architekten von Wilford Schupp exemplarisch mit dem – sehr hochwertigen – Umbau des ehemaligen Max-Planck-Instituts zum Wohngebäude gezeigt. Aber auch einige Projekte im Stuttgarter Osten sind gelungen.« Zu den bundesweit großen Wohnbaureserven gehöre außerdem die Konversion von ehemals militärisch genutzten Flächen oder einstigen Krankenhäusern – etwa von Baugemeinschaften.

In Tübingen gibt es seit 2014 das erste per Bürger-AG, also per Bürger-Aktie finanzierte Gebäude. Auf den 1.200 Quadratmetern Wohn- und Gewerbefl äche leben unter anderem Wohngemeinschaft en mit Menschen mit Handicap, junge Familien, es gibt Gästewohnungen, die für ein bis sechs Monate gemietet werden können, sowie ein Co-Working-Space mit temporär nutzbaren Büropl.tzen. Die Bürger-Aktie sei für Menschen interessant, »die ihr Gemeinwesen aktiv mitgestalten und nicht warten wollen, bis der Staat etwas macht« sowie für »Kommunen, die ihre Baulücken nicht ausschließlich dem Höchstbietenden (der später dann teure Wohnungen verkauft ) überlassen möchten«, heißt es bei der verantwortlichen nestbau AG. Nest steht denn auch nicht nur für Heim, sondern auch für »nachhaltig. ethisch. sicher. transparent «. Das bedeutet, Interessenten betiligen sich an Wohneigentum, aber nicht am Wohnraum selbst, sondern in Form einer Aktie. »Ab 1000 Euro wird Geld investiert in Wohngebäude im süddeutschen Raum mit dem Ziel nachhaltig preiswerten Wohnraum zu schaff en, bei dem die Aktionäre eine maßvolle Rendite bekommen, die Mieter einen fairen Mietpreis und die Städte profi tieren können, weil sie günstigen Wohnraum bekommen«, erklärt ein Aktionär. Und nestbau-Vorstand Gunnar Laufer-Stark betont, dass es im Unternehmen keine typischen Aktionäre gebe. Alle indes eine, dass sie mit ihrem Geld etwas Vernünft ges machen wollten. »Ethisch heißt, dass die Anlieger denen, die in unseren Häusern wohnen, gerade in die Augen schauen können.« In aller Regel liege der Mietpreis unter dem örtlichen Mietspiegel, der Energiestandard liege über dem staatlich vorgeschriebenen. Laufer-Stark: »Die Idee taugt für alle Städte, in denen derzeit schon und weiterhin absehbar Mangel an bezahlbaren Wohnraum herrscht.«

• Petra Mostbacher-Dix

Think. Do. Repeat.

Im Sitzen ist noch keiner über etwas gestolpert. Und: Wer nichts macht, macht nichts falsch und nichts kaputt. Außer unter Umständen das eigene Leben. Will sagen: langweilt sich zu Tode. Soll heißen: Grasflecken auf der Jeans, und ab und zu blutige Knie gehören dazu. Auch wenn Mama sagt, das geht nie wieder raus. Muss es ja auch nicht. Soll es ja auch nicht. Aber: ab einem gewissen Punkt im Leben (als Vorschlag: ab der vollen Straffmündigkeit), sollte dem eigenen Handlen das eigene Nachdenken vorausgehen. Dem Tun das Nichtstun. Der »actio« die »cogitatio«. Dem Sturm die Ruhe und so weiter. Was dann schießlich die Handlung ist, ist zunächst irrelevant. Kuchen backen, Aquarellmalkurse besuchen, Dächer decken, Bäume pfl anzen, Kinder zeugen. Wählen gehen, Banner schwenken, Sitzstreik planen. Man muss ja nicht immer gleich mit Steinen werfen. Nicht immer. Nicht gleich. Und wenn doch, dann sollte man auf jeden Fall vorher drüber nachdenken. Über Schwerkraft, Winkel und Gewicht. Über Zielen, Treffen und: niemals ins Gesicht. Denn: wer wirft, ohne treff en zu wollen, kann morgens auch gleich liegen bleiben. Man muss nicht treffen — aber man muss es wollen, wenn man wirft . Mit Werfen alleine gewinnt man auch auf dem Volksfest nichts. Maximal kleine, bunte, beschissene Schraubenzieher, die man für nichts brauchen kann. Mit dem Treff en alleine ist es aber auch nicht getan. Handlung braucht Konsequenz, aber auch Konsequenzen. Der Wei.brotwürfelwurf erhält seinen Sinn erst und ausschließlich durch die Anwesenheit von Enten im Teich. Will sagen: ein Dominostein braucht den nächsten. Soll heißen: der Spaß beginnt beim zweiten Stein. Wenn man die Wirkung seines (wohl überlegten) Handelns beobachten kann. Die Früchte der Arbeit, der Flügelschlag eines Schmetterlings, blablabla … Aber: manchmal kann das dauern. Von einem Dominostein bis zum nächsten können Jahre vergehen. Das erfordert dann nach Denken und Tun zusätzlich noch Geduld. Also eher: think – do – sit and watch with a cup of tea – repeat. Rom wurde auch nicht an einem und so weiter. Oder: manchmal müssen sich ganz viele kleine Steine gegen einen großen werfen, bevor der kippt. Steter Tropfen, Kleinvieh, wasweißich. — Oder: manchmal ist das Brot auch schon verschimmelt, bis die lahmen Enten angewackelt kommen. — Und dann: nochmal von vorn.

• Philipp J. Schmidt

12 Fragen an Motjib Latif

»Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie«

Interview über die Weltmeere, Überfischung, Ölpest und Plastiktüten.

 

Latif-Mojib_2014-04-29_20_JSteffen-GEOMAR

Mojib Latif ist Professor am Leibniz-Institut für Meereskunde, Universität Kiel. Bekannt wurde der Ozeanologe und Meteorologe vor allem durch seine Buchveröffentlichungen, Fernsehauftritte und Radiointerviews zu Themen wie Klimawandel und -erwärmung. Im Herbst ist sein Sachbuch »Das Ende der Ozeane« erschienen.

 

Herr Latif, kennen Sie den Sci-Fi-Roman »Der Schwarm« von Frank Schätzing?

Ja, ich habe ihn nicht ganz gelesen, aber Schätzing hat bei uns recherchiert …

Halten Sie solch einen Rachefeldzug der Meerestiere, wie es in dem Roman beschrieben wird, theoretisch für möglich? Bei Schätzing sind es sogar Einzeller, die sich zusammenschließen und als ein intelligentes Wesen reagieren …

Sicher nicht. Es ist viel banaler. Wir Menschen arbeiten dar- an, das Ökosystem der Ozeane zum Kippen zu bringen. Wenn das passiert, wird uns das erheblich treffen. Aber eben nicht, weil die Ozeane zurückschlagen, sondern einfach weil wir von den Ozeanen abhängen und den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Amöben werden und auch höheres Leben wird immer überleben, egal, was die Menschen anrichten. Aber ob die Menschen langfristig auf dem Planeten überleben können oder nicht, das ist die Frage.

In ihrem Buch »Das Ende der Ozeane« beschreiben Sie den Missbrauch, die Ausbeutung und die Verschmutzung der Weltmeere durch den Menschen. Bislang war eher von dergleichen auf dem Kontinent die Rede. Ist das Wasser vielleicht sogar stärker gefährdet als der Kontinent, weil hier keine natürlichen Barrieren vorhanden sind?

Nicht nur deshalb, weil sich in den Meeren alles leichter verteilt. Die Ozeane sind stärker gefährdet, weil wir sie nicht so unmittelbar wahrnehmen. Was an Land passiert, nehmen wir eher wahr. Was auf den Ozeanen passiert, nehmen wir nur dann wahr, wenn etwas an die Oberfläche tritt. Was in der Tiefe ist, wissen wir nicht. Und das ist die große Gefahr: Dass dort Dinge passieren, von denen wir derzeit gar keine Ahnung haben, die aber irgendwann zum Kollaps des Gesamtsystems führen.

Sie schreiben ja auch, dass Vieles noch nicht erforscht ist, dass Expeditionen im reale Ozean wichtig wären, um den Kreislauf zu
verstehen …

Genau. Man weiß so Vieles noch nicht. Besagte Expeditionen sind extrem aufwendig und kostspielig. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Ich habe in meinem Buch ein paar Beispiele gebracht, etwa, dass unsere Fischernetze etwa 1500 Meter weit in die Tiefe gehen, aber man nun auch sieht, dass die Fische in 2000 Metern Tiefe noch drunter leiden, weil ihre Brut weiter oben lebt. Die fischt man also gleich mit weg.

Explizit fordern Sie den Ausbau von Ozeanbeobachtungssystemen, um den Kreislauf besser zu verstehen. Mal abgesehen vom Forscherdrang des Menschen… Wäre es nicht klüger, ein Gleichgewicht wie das über Jahrmillionen gewachsene Ökosystem des Meeres nicht ins Wanken zu bringen und die Tiefsee in Ruhe zu lassen?

Auf jeden Fall. Aber unsere Welt funktioniert leider nicht so. Selbst wenn es ernstzunehmende Anhaltspunkte gibt, dass da unten etwas schief läuft, geht die Diskussion los: Seid ihr euch wirklich einig? Ist es wirklich so schlimm? Und so weiter. Wenn man nicht hieb- und stichfest belegen kann, dass etwas passiert ist, dann wird nichts geschehen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir beobachten und forschen können – zum einen natürlich, weil der Forscherdrang groß ist, zum anderen aber vor allem, weil wir sonst keine Möglichkeit haben, irgendwelche Aktionen und Maßnahmen einzufordern.

Ölverschmutzung, Radioaktivität, Plastikabfälle, Lärm, Überfischung und Aquakulturen, mit denen wir die gleichen Fehler machen wie bei der Massentierhaltung – warum ignorieren wir diese Gefahren?

Die Bedrohungen existieren, werden aber nicht bemerkt: Die Meere erwärmen sich und versauern, weil sie zu viel Kohlenstoffdioxid aufnehmen müssen. Außerdem schwimmen darin bereits über 150 Millionen Tonnen Plastikmüll. Denken wir noch an die große Ölpest im Golf von Mexiko, die Einleitung von radioaktiv belasteten Wasser nach der Atomkatastrophe von Fukushima – manches ist nicht sichtbar und zum größten Teil weit weg. Meist ist am Anfang die Aufregung natürlich groß, aber wir vergessen schnell.

Verdrängen wir nicht eher? Wir wollen auf nichts verzichten und konsumieren …

Ja, das Rad werden wir nicht zurückdrehen können. Die Leute wollen Autos und alles mögliche andere haben. Es geht darum, dass wir die Dinge so entwickeln, dass wir die Ressourcen schonen und die Umwelt nicht belasten. Das ist möglich. Wir sind umgeben von sauberer Energie, egal ob Wasser, Sonne oder Wind. Aber wir nutzen sie nur in sehr begrenztem Maßstab. Wir müssen weg von der Wegwerfwirtschaft, hin zur Kreislaufwirtschaft. Das Plastik darf eben nicht in unseren Meeren verschwinden, sondern … am besten, wir brauchen es gar nicht. Beispiel Tüten: Die braucht kein Mensch, die würde ich verbieten. Es gibt Alternativen. Und wenn man schon Plastik herstellt – für bestimmte Dinge ist das ja in Ordnung – dann muss man eben versuchen, das dann zu recyceln. Denn sonst werden wir uns wirklich unsere Lebensgrundlage entziehen. Unser Wirtschaftssystem basiert im Moment darauf, dass wir die Ressourcen hemmungslos ausbeuten und dass wir die Umwelt gnadenlos belasten. Das ist kein System, das langfristig funktionieren kann.

Dann ist die Politik gefordert?

Ja, klar.

Politiker argumentierten gerne für das Beibehalten bisherige Strategien, Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel …

Diese Argumentation führt uns in die Sackgasse. Wenn wir immer in den alten Mustern verharren, kostet das uns die Zukunft und die unserer Kinder und Enkel. Nehmen wir das Beispiel Atomstrom und Kohle. Je länger wir warten, die Energiewende vernünftig hinzukriegen, desto problematischer wird es für uns. Die Energiewende ist ein Muss, unabhängig von den Umweltproblemen. Wir müssen sicherstellen, dass wir in Zukunft relativ kostengünstige Energie haben und das geht nur über die erneuerbaren Energien. Insofern ist das kein Widerspruch: Umweltschutz, Ressourcenschutz und Wirtschaft – das geht nur zusammen. Wie sehen derzeit bei den großen Energiekonzernen, wie sehr sie darunter leiden, dass sie so träge gewesen sind und sich partout nicht um neue Geschäftsmodelle bemüht haben.

Kann der Einzelne was tun?

Auf jeden Fall. Wir sehen das gerade jetzt. Wir feiern derzeit 25 Jahre Mauerfall. Dieses Ereignis ist nicht von oben verordnet worden, das haben die Menschen bewegt. Oder auch der Atomausstieg. Das Individuum hat eine enorme Macht, wenn man sich verbündet und einen langen Atem hat. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Wenn das viele machen, dann hat das auch einen Effekt und die Politik reagiert darauf. Wir müssen weg von dieser dummen Verzichtsdebatte. Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie.

  • Das Gespräch führte Eva Maria Schlosser

Und alle mischen mit

Konsum oder die Angst vor der Sinnlosigkeit.

Der Mann hat Humor, das muss man ihm lassen. So erklärte Jean Asselborn, seines Zeichens Luxemburgischer Außenminister, in einer Talkshow des deutschen Fernsehens: »Wir haben keinen Platz für Häuser, nur für Briefkästen.« Recht hat er. Luxemburg ist gerade mal so groß wie das Saarland – und auf rund 2600 Quadratmeter passen ja nicht ’zig Bürotürme oder Hallen für Hunderte Konzerne wie Amazon, Ikea, Pepsi, Eon oder die Deutsche Bank. Die nämlich, so zeigen Dokumente der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC), sitzen in Luxemburgs Postboxen. Und wenn nun alle noch ein Häuserl wollten, wo käme denn das kleine Großherzogtum hin? Virtuelle Geldflüsse indes sind kein Problem: Rund 3000 Milliarden Euro an Vermögen werden von dort gesteuert, um Konzernen legal Steuern zu sparen. Mal werden Gewinne über aufwändige Zinskonstruktionen verschoben, mal über Lizenzgebühren intern verrechnet. Dass auch andere Staaten, etwa die Niederlande, Belgien, Schweiz oder Großbritannien Off-Shore, beim Verschiebebahnhof mitmischen, wie Asselborn gerne betont, macht es nicht besser. Insgesamt zeigt dieses Hin und Her vor allem eines: die Struktur des Systems. Wer viel umsetzt, der will auf Papier wenig Gewinn machen, um wenig Steuern zu zahlen, um mehr zu verdienen.

Die kleineren Unternehmer, die sich keine weltweit tätigen Berater leisten können, müssen vor allem zuhause Geld ausgeben, um ihre Einnahmen gegenüber dem Fiskus zu schmälern – für Bürom.bel, Autos, Computer, ob sie nun 50 Stück davon brauchen oder nicht. Wer Geld vernichtet, spart Steuern. Als etwa die Cyberblase zu Beginn des Jahrtausends platzte, wurde der Markt plötzlich von hochwertigsten Konferenztischen oder Lederfauteuilles überschwemmt, die längst abgesetzt worden waren und nun ohne Mitarbeiter herumstanden. Bedingt durch das System: Würde dieses wohl zusammenbrechen ohne seinen wesentlichen Faktor, den Konsum. »Consumo Ergo Sum«, ich konsumiere also bin ich, funktioniert daher auch im »Wir«: »consumimus, ergo sumus«. Gerade in Zeiten der Krisen und Sparzwänge predigten allerlei Wirtschaftswissenschaftler, dass endlich der Binnenkonsum »anspringen müsse«, sonst würden alle arbeitslos. Und dann? Also nicht sparen in schlech- ten Zeiten, ausgeben den Mammon! So erklärt Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, einst Chefvolkwirt bei der UNOOrganisation für Welthandel und Entwicklung in Genf, einziger Weg, um aus dieser Rezession heraus zu kommen, sei Geld auszugeben. »Es gibt keine Wirtschaft, die ohne Schulden funktioniert, wenn gleichzeitig gespart wird.«

Unter Ökonomen gelten drei Prozent Wachstum als notwendig, um man das bestehende System zu erhalten. Weniger, womöglich Rezession wird als Katastrophe dargestellt. Auch Ökonom Norbert Reuter, Mitglied des Ver.di-Bundesvorstands und bis 2013 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages, betont, dass ohne Wachstum, sprich Konsum, nichts funktioniert, obschon er für eine andere Art des Wachstums ist. So erklärt er in der TAZ: »Wir müssen weg vom Starren auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und hin zu qualitativen Beschreibungen … Wir brauchen den ökologischen Umbau, eine andere, grüne, mehr mitbestimmte Produktion, wir müssen an den demografischen Wandel denken – also mehr Pfleger, mehr Bildung, mehr Kitas, kurz: mehr soziale Dienstleistungen. Gegen ein solches Wachstum hat doch niemand etwas.« Wirtschaftshistoriker und Attac-Mitglied Matthias Schmelzer indes hält »gutes Wachstum« für eine Illusion. Solange es Wachstum gebe, gebe es auch mehr Ressourcenverbrauch oder jedenfalls nicht die nötige Verminderung, betont der Mitautor des Buchs „Postwachstum – Krise, ökologische Grenzen, soziale Rechte« Die Frage hier ist freilich »Wie viel ist genug?« So übertitelten der britische Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky und sein Sohn, Philosoph Edward Skidelsky, ihr Ende 2013 erschienenes Buch über »Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens«. Sie beziehen sich dabei auf ihren legendären Landsmann, den britischen Wirtschaftswissenschaftler John Keynes. Der beschrieb schon in den 30er-Jahren, dass der Kapitalismus irgendwann allein zur Ruhe kommen werde, wenn die Menschheit satt und zufrieden sei. Und nach den Skidelskys, die wie DM-Gründer Götz Werner für ein Grundeinkommen plädieren, ist das Leben – in allen Kulturen – gut, wenn sieben Grundbedürfnisse befriedigt sind: Der Mensch brauche Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Entfaltung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft und Muße. Doch viele Menschen, so resümieren Vater und Sohn, würden das Gefühl des »Satt seins« nicht mehr kennen. Sie gewöhnten sich an neuen Wohlstand und lebten im Wahn, dass ständige Steigerung zu einem glücklicheren Leben führe. Das System des Wachstums werde von tief verwurzeltem Mangeldenken und der Gier angetrieben. Auch der viel propagierten These, Konsum rege die Wirtschaft an, erteilen die beiden eine Abfuhr. Die Produktion solle den Konsum ermöglichen, nicht umgekehrt. Ihr Fazit: »endloses Wachstum ist sinnlos«.

Ähnlich beschrieben es die Filmemacher und Autoren John de Graaf und David Wann sowie der Ökonom Thomas Naylor bereits in ihrem 2002 erschienenen Klassiker »Affl uenza – Zeitkrankheit Konsum«. »Wir fürchten uns vor Sinn- und Nutzlosigkeit – darum verbringen wir unser ganzes Leben damit, uns einzureden, wie unbezwingbar wir doch sind«, so Naylor in der Zeitschrift ÖkologiePolitik. Konsum gaukele uns ewiges Leben und absolute Sicherheit in einer ansonsten unsicheren, sinnlosen Welt vor. »Wir glauben, dass wir unser ganzes Leben in einem Zustand nicht enden wollender Selbstverwirklichung verbringen können, ohne aber auf der anderen Seite einen psychischen Preis für das Leben in hemmungsloser Vergnügungssucht zahlen zu müssen. Unser Selbstwertgefühl beruht vollständig auf dem, was wir selbst besitzen und konsumieren, und nicht auf dem, was wir wirklich sind.« Sein Fazit: »Affl uenza wird niemals durch bloßen passiven Widerstand ausgerottet werden, es bedarf schon off ener Rebellion gegen das System.

• Petra Mostbacher-Dix

 

Immer mehr Zeug aber weniger Zeit

Wir tauschen Zeit gegen Geld gegen Zeug. Und das in einem Ausmaß, dass kaum Zeit bleibt für das Zeug. Um zu tun, was man mit Zeug eben so tut. Es benutzen, anstatt es nur zu besitzen. Es genießen. Sich an dem Zeug erfreuen nicht nur an seinem Besitz. Krempel, Sachen, Dinge, Staubfänger, Dekoration. Zeug. Zeugen unseres Wohlstands. Konsum als Selbstzweck. Konsumieren, damit konsumiert ist. Kaufen um zu kaufen, nicht um zu gebrauchen. Brauchen versus Habenwollen. Weil man will, nicht weil man muss. Weil man kann. Just because.

Konsum. Das kommt ja aus dem Lateinischen. »consumere«: verbrauchen, aufbrauchen, erschöpfen, verwenden, verschwenden. »consumo«: ich verbrauche. »consumimus«: wir verbrauchen. »consumemus«: wir werden verbrauchen. Das hab’ ich mir nicht ausgedacht, das ist Futur I. Das ist die Zukunft . Ziemlich sicher. Wir werden verbrauchen. Wir werden verschwenden. Wir werden aufbrauchen. Bis nichts mehr da ist. Nicht mehr übrig. Nichts zu vererben. Pech gehabt übern.chste Generation. Voll sorry, hey. Aber läuft bei uns, lol.

Oder wir finden einen anderen Weg. Früher oder später gezwungenermaßen. Das hat schon öfter funktioniert. Die Menschheit ist ja relativ einfallsreich, wenn’s eng wird. Allerdings erst dann. Wenn’s nicht mehr anders geht. Eiszeit? Lagerfeuer. Mammut? Speerwurf. Dunkelheit? Elektrisches Licht. Ölkrise? Autofreier Sonntag. Zack, Problem gelöst. Auf jeden Fall vertagt. Hoch die Tassen!

Und was dieses Mal? Zum Beispiel: Boykott. Der kommt seinerseits vom irischen Grundstücksverwalter Charles Cunnigham Boycott, der Ende des 19. Jahrhunderts so ein arschiger Landlord und landlordiger Arsch war, dass damals alle kurzerhand beschlossen haben, fürderhin einfach nicht mehr für ihn zu arbeiten oder Geschäfte mit ihm zu machen, sollte er sein Gebaren nicht schleunigst ändern. Da saß er dann. Allein und verlassen und musste netter zu den Menschen sein. Was für ein großartiger Erfolg. Das ist zwar lange her, also Vergangenheit und nicht Futur, aber ausgedacht hab’ ich mir’s (hoffentlich) trotzdem nicht. Das tatsächliche Futur I: wir werden boykottieren, beziehungsweise: wir werden aufhören bei unfairen, unfreundlichen, gierigen, profitfokussierten, ausnutzenden, weltmonopolanstrebenden, manipulativen, eben schlicht arschigen Unternehmen zu kaufen, ist leider eher unwahrscheinlich. Das war ja immer schon so, sicherlich auch schon vor Lebzeiten des Herrn Boycott, dass es lange dauert, bis was passiert. Bis sich was ändert, muss schon verdammt viel zusammenkommen, müssen schon viele, viele, also so richtig viele, so total viele, eigentlich fast alle Menschen persönlich und konkret davon betroffen sein. Bevor nichts passiert, passiert auch nichts. Solange die Flüchtlinge im Mittelmeer und nicht in der Nordsee ertrinken, solange die Kinder in Beirut und nicht in Bayreuth verhungern, solange die Polizei in Ferguson und nicht in Feuerbach schwarze Jugendliche erschießt, ist das ja alles nicht unser Problem. Nicht so richtig. Das sind nur Nachrichten. Ein Glück. Und eine Frage der Zeit.

  • Philipp J. Schmidt

Das Meer (mehr?) der Möglichkeiten

Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich auch immer gegen etwas. Hätte ich damals nicht auf meinen Mann gehört! Ja, was wäre dann? Der Satz wurde nie zu Ende geführt. Zumindest bislang nicht. Wahrscheinlich weiß die Person, die so jammert, selbst nicht, was dann gewesen wäre. Woher auch? Schließlich ging sie einen anderen Weg – den sie aus heutiger Sicht dummerweise als den falschen ansieht. Das müssen Freunde und Angehörige in ermüdender Regelmäßigkeit mit anhören. Ein Meer der Reue mit einer Priese Bitterkeit. Auch Trauer ist dabei. Tatsache ist, bei manchen Menschen bleibt es nicht bei dem einen Mal Reue. Es scheint nicht dieses eine Ereignis zu sein, dass so völlig verkorkst, so eine völlig falsche Entscheidung war. Es ist eher wie ein Pilz, der sich hartnäckig ins Leben der Befallenen frisst, darin mäandert und zahlreiche Ereignisse anfällt. Hätte ich doch einen anderen Beruf gelernt, wäre ich doch bloß nicht weggegangen, wäre ich doch damals noch zu anderen Ärzten gegangen, hätte ich ihn doch nicht verlassen, hätte ich doch gestern zugegriffen und die Tasche gekauft undundund. Manche Vorwürfe, die man sich selber und dem Schicksal macht haben freilich einen wahren Kern. Schön blöd war man! Aber hey, shit happens!

Vorwürfe darf man sich dennoch machen, andere dürfen einem Vorwürfe machen. Aber Vorwürfe sind weder konstruktiv noch in jedem Fall berechtigt. Denn meist gab es Gründe, warum man sich für etwas so und nicht anders entschied. Gründe, die mitunter auch heute noch Gewicht hätten. Etwa Angst vor dem Unbekannten, Sicherheitsdenken, Eile, Vernunft (oder angebliche Vernunft), Sorglosigkeit oder auch die falsche Einschätzung einer Situation. So gesehen folgte man unter derlei Einflüssen selten dem Bauchgefühl. Und eigentlich, ist man nicht bereits am Lebensende angekommen, gäbe es da ja noch die Chance, es in Zukunft anders zu machen. Selbst mit 80 Jahren sind noch einige Türen offen, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so viele. Aber sind wir doch mal ehrlich, die meisten Türen schlägt man sich sowieso selbst vor der Nase zu – oder öffnet sie erst gar nicht. Ist gar nicht neugierig, was sich dahinter verbirgt. Aus oben genannten Gründen, oder mangels Fantasie. Oder mangels Energie. Das Leben kann einen ja schon müde machen.

Wäre ich dünner, würde ich mich besser fühlen und die anderen fänden mich attraktiver. Wäre ich schlauer, könnte ich alle in Grund und Boden reden. Hätte ich mehr Geld, könnte ich mehr Gutes tun. Hätte ich eine größere Wohnung, würde ich mich wohler fühlen, könnte aufatmen, hätte mehr Raum für mich und meine Ideen. Oder ich hätte mehr Falten, wäre unbeliebter, weil mich alle für eine Besserwisserin hielten, würde für mein mehr Geld mehr Dinge kaufen, die man im Leben nicht braucht, hätte mehr zu putzen und aufzuräumen, keine Zeit mehr. Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich immer auch gegen etwas. Das vergisst man nur leicht. Und eigentlich ist es nicht mal so wichtig, für was man sich entscheidet, es ist nur wichtig, dass man dann hinter seiner Entscheidung steht, die Vorzüge dieser Entscheidung nutzt. Und schließlich kann man sich auch oft noch umentscheiden. Also dann doch wieder eine kleinere Wohnung nehmen, dicker werden … Nichts ist vollkommen. Und das meiste Glück liegt in einem selbst.

Reue, bereuen nutzt nichts. Es nützt etwas, aus Fehlern zu lernen, wobei man auch erst mal definieren müsste, was ein Fehler ist. Es ist sicher ein Fehler, sein Leben im Konjunktiv zu führen. Oder es auf morgen zu verschieben. Schließlich hat man nur das eine. Und wer weiß, ob man’s auch noch morgen hat. Nichts ist gewiss. Außer der Moment.

  • Eva Maria Schlosser

KulturPolitik für Stuttgart und Region