12 Fragen an Motjib Latif

»Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie«

Interview über die Weltmeere, Überfischung, Ölpest und Plastiktüten.

 

Latif-Mojib_2014-04-29_20_JSteffen-GEOMAR

Mojib Latif ist Professor am Leibniz-Institut für Meereskunde, Universität Kiel. Bekannt wurde der Ozeanologe und Meteorologe vor allem durch seine Buchveröffentlichungen, Fernsehauftritte und Radiointerviews zu Themen wie Klimawandel und -erwärmung. Im Herbst ist sein Sachbuch »Das Ende der Ozeane« erschienen.

 

Herr Latif, kennen Sie den Sci-Fi-Roman »Der Schwarm« von Frank Schätzing?

Ja, ich habe ihn nicht ganz gelesen, aber Schätzing hat bei uns recherchiert …

Halten Sie solch einen Rachefeldzug der Meerestiere, wie es in dem Roman beschrieben wird, theoretisch für möglich? Bei Schätzing sind es sogar Einzeller, die sich zusammenschließen und als ein intelligentes Wesen reagieren …

Sicher nicht. Es ist viel banaler. Wir Menschen arbeiten dar- an, das Ökosystem der Ozeane zum Kippen zu bringen. Wenn das passiert, wird uns das erheblich treffen. Aber eben nicht, weil die Ozeane zurückschlagen, sondern einfach weil wir von den Ozeanen abhängen und den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Amöben werden und auch höheres Leben wird immer überleben, egal, was die Menschen anrichten. Aber ob die Menschen langfristig auf dem Planeten überleben können oder nicht, das ist die Frage.

In ihrem Buch »Das Ende der Ozeane« beschreiben Sie den Missbrauch, die Ausbeutung und die Verschmutzung der Weltmeere durch den Menschen. Bislang war eher von dergleichen auf dem Kontinent die Rede. Ist das Wasser vielleicht sogar stärker gefährdet als der Kontinent, weil hier keine natürlichen Barrieren vorhanden sind?

Nicht nur deshalb, weil sich in den Meeren alles leichter verteilt. Die Ozeane sind stärker gefährdet, weil wir sie nicht so unmittelbar wahrnehmen. Was an Land passiert, nehmen wir eher wahr. Was auf den Ozeanen passiert, nehmen wir nur dann wahr, wenn etwas an die Oberfläche tritt. Was in der Tiefe ist, wissen wir nicht. Und das ist die große Gefahr: Dass dort Dinge passieren, von denen wir derzeit gar keine Ahnung haben, die aber irgendwann zum Kollaps des Gesamtsystems führen.

Sie schreiben ja auch, dass Vieles noch nicht erforscht ist, dass Expeditionen im reale Ozean wichtig wären, um den Kreislauf zu
verstehen …

Genau. Man weiß so Vieles noch nicht. Besagte Expeditionen sind extrem aufwendig und kostspielig. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Ich habe in meinem Buch ein paar Beispiele gebracht, etwa, dass unsere Fischernetze etwa 1500 Meter weit in die Tiefe gehen, aber man nun auch sieht, dass die Fische in 2000 Metern Tiefe noch drunter leiden, weil ihre Brut weiter oben lebt. Die fischt man also gleich mit weg.

Explizit fordern Sie den Ausbau von Ozeanbeobachtungssystemen, um den Kreislauf besser zu verstehen. Mal abgesehen vom Forscherdrang des Menschen… Wäre es nicht klüger, ein Gleichgewicht wie das über Jahrmillionen gewachsene Ökosystem des Meeres nicht ins Wanken zu bringen und die Tiefsee in Ruhe zu lassen?

Auf jeden Fall. Aber unsere Welt funktioniert leider nicht so. Selbst wenn es ernstzunehmende Anhaltspunkte gibt, dass da unten etwas schief läuft, geht die Diskussion los: Seid ihr euch wirklich einig? Ist es wirklich so schlimm? Und so weiter. Wenn man nicht hieb- und stichfest belegen kann, dass etwas passiert ist, dann wird nichts geschehen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir beobachten und forschen können – zum einen natürlich, weil der Forscherdrang groß ist, zum anderen aber vor allem, weil wir sonst keine Möglichkeit haben, irgendwelche Aktionen und Maßnahmen einzufordern.

Ölverschmutzung, Radioaktivität, Plastikabfälle, Lärm, Überfischung und Aquakulturen, mit denen wir die gleichen Fehler machen wie bei der Massentierhaltung – warum ignorieren wir diese Gefahren?

Die Bedrohungen existieren, werden aber nicht bemerkt: Die Meere erwärmen sich und versauern, weil sie zu viel Kohlenstoffdioxid aufnehmen müssen. Außerdem schwimmen darin bereits über 150 Millionen Tonnen Plastikmüll. Denken wir noch an die große Ölpest im Golf von Mexiko, die Einleitung von radioaktiv belasteten Wasser nach der Atomkatastrophe von Fukushima – manches ist nicht sichtbar und zum größten Teil weit weg. Meist ist am Anfang die Aufregung natürlich groß, aber wir vergessen schnell.

Verdrängen wir nicht eher? Wir wollen auf nichts verzichten und konsumieren …

Ja, das Rad werden wir nicht zurückdrehen können. Die Leute wollen Autos und alles mögliche andere haben. Es geht darum, dass wir die Dinge so entwickeln, dass wir die Ressourcen schonen und die Umwelt nicht belasten. Das ist möglich. Wir sind umgeben von sauberer Energie, egal ob Wasser, Sonne oder Wind. Aber wir nutzen sie nur in sehr begrenztem Maßstab. Wir müssen weg von der Wegwerfwirtschaft, hin zur Kreislaufwirtschaft. Das Plastik darf eben nicht in unseren Meeren verschwinden, sondern … am besten, wir brauchen es gar nicht. Beispiel Tüten: Die braucht kein Mensch, die würde ich verbieten. Es gibt Alternativen. Und wenn man schon Plastik herstellt – für bestimmte Dinge ist das ja in Ordnung – dann muss man eben versuchen, das dann zu recyceln. Denn sonst werden wir uns wirklich unsere Lebensgrundlage entziehen. Unser Wirtschaftssystem basiert im Moment darauf, dass wir die Ressourcen hemmungslos ausbeuten und dass wir die Umwelt gnadenlos belasten. Das ist kein System, das langfristig funktionieren kann.

Dann ist die Politik gefordert?

Ja, klar.

Politiker argumentierten gerne für das Beibehalten bisherige Strategien, Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel …

Diese Argumentation führt uns in die Sackgasse. Wenn wir immer in den alten Mustern verharren, kostet das uns die Zukunft und die unserer Kinder und Enkel. Nehmen wir das Beispiel Atomstrom und Kohle. Je länger wir warten, die Energiewende vernünftig hinzukriegen, desto problematischer wird es für uns. Die Energiewende ist ein Muss, unabhängig von den Umweltproblemen. Wir müssen sicherstellen, dass wir in Zukunft relativ kostengünstige Energie haben und das geht nur über die erneuerbaren Energien. Insofern ist das kein Widerspruch: Umweltschutz, Ressourcenschutz und Wirtschaft – das geht nur zusammen. Wie sehen derzeit bei den großen Energiekonzernen, wie sehr sie darunter leiden, dass sie so träge gewesen sind und sich partout nicht um neue Geschäftsmodelle bemüht haben.

Kann der Einzelne was tun?

Auf jeden Fall. Wir sehen das gerade jetzt. Wir feiern derzeit 25 Jahre Mauerfall. Dieses Ereignis ist nicht von oben verordnet worden, das haben die Menschen bewegt. Oder auch der Atomausstieg. Das Individuum hat eine enorme Macht, wenn man sich verbündet und einen langen Atem hat. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Wenn das viele machen, dann hat das auch einen Effekt und die Politik reagiert darauf. Wir müssen weg von dieser dummen Verzichtsdebatte. Wir verzichten nicht, wir gewinnen auf der ganzen Linie.

  • Das Gespräch führte Eva Maria Schlosser

Und alle mischen mit

Konsum oder die Angst vor der Sinnlosigkeit.

Der Mann hat Humor, das muss man ihm lassen. So erklärte Jean Asselborn, seines Zeichens Luxemburgischer Außenminister, in einer Talkshow des deutschen Fernsehens: »Wir haben keinen Platz für Häuser, nur für Briefkästen.« Recht hat er. Luxemburg ist gerade mal so groß wie das Saarland – und auf rund 2600 Quadratmeter passen ja nicht ’zig Bürotürme oder Hallen für Hunderte Konzerne wie Amazon, Ikea, Pepsi, Eon oder die Deutsche Bank. Die nämlich, so zeigen Dokumente der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC), sitzen in Luxemburgs Postboxen. Und wenn nun alle noch ein Häuserl wollten, wo käme denn das kleine Großherzogtum hin? Virtuelle Geldflüsse indes sind kein Problem: Rund 3000 Milliarden Euro an Vermögen werden von dort gesteuert, um Konzernen legal Steuern zu sparen. Mal werden Gewinne über aufwändige Zinskonstruktionen verschoben, mal über Lizenzgebühren intern verrechnet. Dass auch andere Staaten, etwa die Niederlande, Belgien, Schweiz oder Großbritannien Off-Shore, beim Verschiebebahnhof mitmischen, wie Asselborn gerne betont, macht es nicht besser. Insgesamt zeigt dieses Hin und Her vor allem eines: die Struktur des Systems. Wer viel umsetzt, der will auf Papier wenig Gewinn machen, um wenig Steuern zu zahlen, um mehr zu verdienen.

Die kleineren Unternehmer, die sich keine weltweit tätigen Berater leisten können, müssen vor allem zuhause Geld ausgeben, um ihre Einnahmen gegenüber dem Fiskus zu schmälern – für Bürom.bel, Autos, Computer, ob sie nun 50 Stück davon brauchen oder nicht. Wer Geld vernichtet, spart Steuern. Als etwa die Cyberblase zu Beginn des Jahrtausends platzte, wurde der Markt plötzlich von hochwertigsten Konferenztischen oder Lederfauteuilles überschwemmt, die längst abgesetzt worden waren und nun ohne Mitarbeiter herumstanden. Bedingt durch das System: Würde dieses wohl zusammenbrechen ohne seinen wesentlichen Faktor, den Konsum. »Consumo Ergo Sum«, ich konsumiere also bin ich, funktioniert daher auch im »Wir«: »consumimus, ergo sumus«. Gerade in Zeiten der Krisen und Sparzwänge predigten allerlei Wirtschaftswissenschaftler, dass endlich der Binnenkonsum »anspringen müsse«, sonst würden alle arbeitslos. Und dann? Also nicht sparen in schlech- ten Zeiten, ausgeben den Mammon! So erklärt Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, einst Chefvolkwirt bei der UNOOrganisation für Welthandel und Entwicklung in Genf, einziger Weg, um aus dieser Rezession heraus zu kommen, sei Geld auszugeben. »Es gibt keine Wirtschaft, die ohne Schulden funktioniert, wenn gleichzeitig gespart wird.«

Unter Ökonomen gelten drei Prozent Wachstum als notwendig, um man das bestehende System zu erhalten. Weniger, womöglich Rezession wird als Katastrophe dargestellt. Auch Ökonom Norbert Reuter, Mitglied des Ver.di-Bundesvorstands und bis 2013 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages, betont, dass ohne Wachstum, sprich Konsum, nichts funktioniert, obschon er für eine andere Art des Wachstums ist. So erklärt er in der TAZ: »Wir müssen weg vom Starren auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und hin zu qualitativen Beschreibungen … Wir brauchen den ökologischen Umbau, eine andere, grüne, mehr mitbestimmte Produktion, wir müssen an den demografischen Wandel denken – also mehr Pfleger, mehr Bildung, mehr Kitas, kurz: mehr soziale Dienstleistungen. Gegen ein solches Wachstum hat doch niemand etwas.« Wirtschaftshistoriker und Attac-Mitglied Matthias Schmelzer indes hält »gutes Wachstum« für eine Illusion. Solange es Wachstum gebe, gebe es auch mehr Ressourcenverbrauch oder jedenfalls nicht die nötige Verminderung, betont der Mitautor des Buchs „Postwachstum – Krise, ökologische Grenzen, soziale Rechte« Die Frage hier ist freilich »Wie viel ist genug?« So übertitelten der britische Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky und sein Sohn, Philosoph Edward Skidelsky, ihr Ende 2013 erschienenes Buch über »Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens«. Sie beziehen sich dabei auf ihren legendären Landsmann, den britischen Wirtschaftswissenschaftler John Keynes. Der beschrieb schon in den 30er-Jahren, dass der Kapitalismus irgendwann allein zur Ruhe kommen werde, wenn die Menschheit satt und zufrieden sei. Und nach den Skidelskys, die wie DM-Gründer Götz Werner für ein Grundeinkommen plädieren, ist das Leben – in allen Kulturen – gut, wenn sieben Grundbedürfnisse befriedigt sind: Der Mensch brauche Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Entfaltung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft und Muße. Doch viele Menschen, so resümieren Vater und Sohn, würden das Gefühl des »Satt seins« nicht mehr kennen. Sie gewöhnten sich an neuen Wohlstand und lebten im Wahn, dass ständige Steigerung zu einem glücklicheren Leben führe. Das System des Wachstums werde von tief verwurzeltem Mangeldenken und der Gier angetrieben. Auch der viel propagierten These, Konsum rege die Wirtschaft an, erteilen die beiden eine Abfuhr. Die Produktion solle den Konsum ermöglichen, nicht umgekehrt. Ihr Fazit: »endloses Wachstum ist sinnlos«.

Ähnlich beschrieben es die Filmemacher und Autoren John de Graaf und David Wann sowie der Ökonom Thomas Naylor bereits in ihrem 2002 erschienenen Klassiker »Affl uenza – Zeitkrankheit Konsum«. »Wir fürchten uns vor Sinn- und Nutzlosigkeit – darum verbringen wir unser ganzes Leben damit, uns einzureden, wie unbezwingbar wir doch sind«, so Naylor in der Zeitschrift ÖkologiePolitik. Konsum gaukele uns ewiges Leben und absolute Sicherheit in einer ansonsten unsicheren, sinnlosen Welt vor. »Wir glauben, dass wir unser ganzes Leben in einem Zustand nicht enden wollender Selbstverwirklichung verbringen können, ohne aber auf der anderen Seite einen psychischen Preis für das Leben in hemmungsloser Vergnügungssucht zahlen zu müssen. Unser Selbstwertgefühl beruht vollständig auf dem, was wir selbst besitzen und konsumieren, und nicht auf dem, was wir wirklich sind.« Sein Fazit: »Affl uenza wird niemals durch bloßen passiven Widerstand ausgerottet werden, es bedarf schon off ener Rebellion gegen das System.

• Petra Mostbacher-Dix

 

Immer mehr Zeug aber weniger Zeit

Wir tauschen Zeit gegen Geld gegen Zeug. Und das in einem Ausmaß, dass kaum Zeit bleibt für das Zeug. Um zu tun, was man mit Zeug eben so tut. Es benutzen, anstatt es nur zu besitzen. Es genießen. Sich an dem Zeug erfreuen nicht nur an seinem Besitz. Krempel, Sachen, Dinge, Staubfänger, Dekoration. Zeug. Zeugen unseres Wohlstands. Konsum als Selbstzweck. Konsumieren, damit konsumiert ist. Kaufen um zu kaufen, nicht um zu gebrauchen. Brauchen versus Habenwollen. Weil man will, nicht weil man muss. Weil man kann. Just because.

Konsum. Das kommt ja aus dem Lateinischen. »consumere«: verbrauchen, aufbrauchen, erschöpfen, verwenden, verschwenden. »consumo«: ich verbrauche. »consumimus«: wir verbrauchen. »consumemus«: wir werden verbrauchen. Das hab’ ich mir nicht ausgedacht, das ist Futur I. Das ist die Zukunft . Ziemlich sicher. Wir werden verbrauchen. Wir werden verschwenden. Wir werden aufbrauchen. Bis nichts mehr da ist. Nicht mehr übrig. Nichts zu vererben. Pech gehabt übern.chste Generation. Voll sorry, hey. Aber läuft bei uns, lol.

Oder wir finden einen anderen Weg. Früher oder später gezwungenermaßen. Das hat schon öfter funktioniert. Die Menschheit ist ja relativ einfallsreich, wenn’s eng wird. Allerdings erst dann. Wenn’s nicht mehr anders geht. Eiszeit? Lagerfeuer. Mammut? Speerwurf. Dunkelheit? Elektrisches Licht. Ölkrise? Autofreier Sonntag. Zack, Problem gelöst. Auf jeden Fall vertagt. Hoch die Tassen!

Und was dieses Mal? Zum Beispiel: Boykott. Der kommt seinerseits vom irischen Grundstücksverwalter Charles Cunnigham Boycott, der Ende des 19. Jahrhunderts so ein arschiger Landlord und landlordiger Arsch war, dass damals alle kurzerhand beschlossen haben, fürderhin einfach nicht mehr für ihn zu arbeiten oder Geschäfte mit ihm zu machen, sollte er sein Gebaren nicht schleunigst ändern. Da saß er dann. Allein und verlassen und musste netter zu den Menschen sein. Was für ein großartiger Erfolg. Das ist zwar lange her, also Vergangenheit und nicht Futur, aber ausgedacht hab’ ich mir’s (hoffentlich) trotzdem nicht. Das tatsächliche Futur I: wir werden boykottieren, beziehungsweise: wir werden aufhören bei unfairen, unfreundlichen, gierigen, profitfokussierten, ausnutzenden, weltmonopolanstrebenden, manipulativen, eben schlicht arschigen Unternehmen zu kaufen, ist leider eher unwahrscheinlich. Das war ja immer schon so, sicherlich auch schon vor Lebzeiten des Herrn Boycott, dass es lange dauert, bis was passiert. Bis sich was ändert, muss schon verdammt viel zusammenkommen, müssen schon viele, viele, also so richtig viele, so total viele, eigentlich fast alle Menschen persönlich und konkret davon betroffen sein. Bevor nichts passiert, passiert auch nichts. Solange die Flüchtlinge im Mittelmeer und nicht in der Nordsee ertrinken, solange die Kinder in Beirut und nicht in Bayreuth verhungern, solange die Polizei in Ferguson und nicht in Feuerbach schwarze Jugendliche erschießt, ist das ja alles nicht unser Problem. Nicht so richtig. Das sind nur Nachrichten. Ein Glück. Und eine Frage der Zeit.

  • Philipp J. Schmidt

Das Meer (mehr?) der Möglichkeiten

Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich auch immer gegen etwas. Hätte ich damals nicht auf meinen Mann gehört! Ja, was wäre dann? Der Satz wurde nie zu Ende geführt. Zumindest bislang nicht. Wahrscheinlich weiß die Person, die so jammert, selbst nicht, was dann gewesen wäre. Woher auch? Schließlich ging sie einen anderen Weg – den sie aus heutiger Sicht dummerweise als den falschen ansieht. Das müssen Freunde und Angehörige in ermüdender Regelmäßigkeit mit anhören. Ein Meer der Reue mit einer Priese Bitterkeit. Auch Trauer ist dabei. Tatsache ist, bei manchen Menschen bleibt es nicht bei dem einen Mal Reue. Es scheint nicht dieses eine Ereignis zu sein, dass so völlig verkorkst, so eine völlig falsche Entscheidung war. Es ist eher wie ein Pilz, der sich hartnäckig ins Leben der Befallenen frisst, darin mäandert und zahlreiche Ereignisse anfällt. Hätte ich doch einen anderen Beruf gelernt, wäre ich doch bloß nicht weggegangen, wäre ich doch damals noch zu anderen Ärzten gegangen, hätte ich ihn doch nicht verlassen, hätte ich doch gestern zugegriffen und die Tasche gekauft undundund. Manche Vorwürfe, die man sich selber und dem Schicksal macht haben freilich einen wahren Kern. Schön blöd war man! Aber hey, shit happens!

Vorwürfe darf man sich dennoch machen, andere dürfen einem Vorwürfe machen. Aber Vorwürfe sind weder konstruktiv noch in jedem Fall berechtigt. Denn meist gab es Gründe, warum man sich für etwas so und nicht anders entschied. Gründe, die mitunter auch heute noch Gewicht hätten. Etwa Angst vor dem Unbekannten, Sicherheitsdenken, Eile, Vernunft (oder angebliche Vernunft), Sorglosigkeit oder auch die falsche Einschätzung einer Situation. So gesehen folgte man unter derlei Einflüssen selten dem Bauchgefühl. Und eigentlich, ist man nicht bereits am Lebensende angekommen, gäbe es da ja noch die Chance, es in Zukunft anders zu machen. Selbst mit 80 Jahren sind noch einige Türen offen, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so viele. Aber sind wir doch mal ehrlich, die meisten Türen schlägt man sich sowieso selbst vor der Nase zu – oder öffnet sie erst gar nicht. Ist gar nicht neugierig, was sich dahinter verbirgt. Aus oben genannten Gründen, oder mangels Fantasie. Oder mangels Energie. Das Leben kann einen ja schon müde machen.

Wäre ich dünner, würde ich mich besser fühlen und die anderen fänden mich attraktiver. Wäre ich schlauer, könnte ich alle in Grund und Boden reden. Hätte ich mehr Geld, könnte ich mehr Gutes tun. Hätte ich eine größere Wohnung, würde ich mich wohler fühlen, könnte aufatmen, hätte mehr Raum für mich und meine Ideen. Oder ich hätte mehr Falten, wäre unbeliebter, weil mich alle für eine Besserwisserin hielten, würde für mein mehr Geld mehr Dinge kaufen, die man im Leben nicht braucht, hätte mehr zu putzen und aufzuräumen, keine Zeit mehr. Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich immer auch gegen etwas. Das vergisst man nur leicht. Und eigentlich ist es nicht mal so wichtig, für was man sich entscheidet, es ist nur wichtig, dass man dann hinter seiner Entscheidung steht, die Vorzüge dieser Entscheidung nutzt. Und schließlich kann man sich auch oft noch umentscheiden. Also dann doch wieder eine kleinere Wohnung nehmen, dicker werden … Nichts ist vollkommen. Und das meiste Glück liegt in einem selbst.

Reue, bereuen nutzt nichts. Es nützt etwas, aus Fehlern zu lernen, wobei man auch erst mal definieren müsste, was ein Fehler ist. Es ist sicher ein Fehler, sein Leben im Konjunktiv zu führen. Oder es auf morgen zu verschieben. Schließlich hat man nur das eine. Und wer weiß, ob man’s auch noch morgen hat. Nichts ist gewiss. Außer der Moment.

  • Eva Maria Schlosser

30 Prozent System, 70 Prozent Mensch

Boris_Grundl_Bühne

In seinen Büchern beschreibt Boris Grundl guten Führungsstil, prangert die »Diktatur der Gutmenschen« an, propagiert »Steh auf! Bekenntnisse eines Optimisten« oder warnt – aktuell – davor, sich mit dem Wunsch an andere »Mach mich glücklich « selbst zu täuschen. Der Management-Trainer, der seit seinem 25. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und es vom Hartz IVEmpfänger zum international gefragten Coach gebracht hat, erklärt, wie wir dem Leben im Konjunktiv entfliehen.

 

»Man müsste«, »Man sollte«, »Man könnte« – derlei Formulierungen scheinen im Geschäfts- und im Privatleben wie in der Politik an der Tagesordnung. Leben wir in einer Zeit des Konjunktivs?

Um dies zu beantworten, müssen wir uns mit der Sprache beschäftigen. Was bedingt die Form des Konjunktivs, welche Motive stecken dahinter? Gehirnforscher haben durch die Existenz der Spiegelneuronen nachgewiesen wie intensiv wir andere auf emotionaler Ebene wahrnehmen und imitieren können. Heute gehen die Wissenschaftler von einem komplexen System von Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn aus. Das führt zu emphatischen Fähigkeiten. Schon von klein an spiegeln wir die Reaktionen unserer Eltern. Wir lernen als Kinder, ob wir uns erst einmal mit Weinen beschäftigten, wenn wir hinfallen, weil unsere Mutter oder unser Vater überreagiert haben – oder ob wir wieder aufstehen und weitergehen. Sehr früh bauen wir also die Fähigkeit auf, andere Menschen wahrzunehmen.

Daraus folgt?

Durch unsere Empathie erkennen wir die Defizite anderer sehr schnell. Treffen wir etwa ein anderes Paar, spüren wir, was in deren Beziehung stimmt oder nicht. Das führt schnell dazu, dass wir uns den anderen überlegen fühlen. Das heißt noch lange nicht, dass dem so ist. Dann entsteht durch die Fähigkeit, Defizite anderer Menschen wahrzunehmen und uns zu vergleichen eine Überlegenheitsillusion. Diese sagt uns – bleiben wir beim Beispiel des Paares – »bei den beiden ist aber der Wurm drin, meine Beziehung ist besser«. Im Geschäftsleben würde das uns vielleicht zu dem Schluss bringen, ich leiste mehr als jemand anderes, ich müsste auch mehr verdienen.

Das bedeutet für den Konjunktiv?

Das Wahrnehmen, die Überlegenheitsillusion, gepaart mit einem – gerade in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgeprägten – Dominanzstreben auch bei alltäglichen Dingen, lässt uns denken, wir wüssten Bescheid und hätten Lösungen. Doch um Dinge wirklich zu ändern, braucht es Einfluss und Macht. Und die meisten haben das nicht, sie fühlen sich machtlos. Und um etwas zu ändern, müssten sie sich einbringen, aktiv werden und anstrengen. Aus der Spannung »so müsste es laufen« und »ich kann ja nichts ändern« folgt als logische Konsequenz der Konjunktiv.

In Baden-Württemberg gibt es – bundesweit gesehen – mehr ehrenamtlich Engagierte als anderswo. Haben die Konjunktivnutzer, die alles besser wissen, nicht einfach Angst vor der Verantwortung und flüchten sich in den verbalen Eskapismus?

Wichtig ist, auf die Situation vorurteils- und vorwurfsfrei und damit klar zu blicken. Die Konjunktivnutzer wissen, wenn sie aktiv werden würden, müssten sie Verantwortung übernehmen. Und das ist ein enormer Kraftakt. Ein Beispiel: Wenn ich denke, dass der Vertrieb in meiner Firma schlecht läuft und ich könnte es besser, dann müsste ich mich eigentlich in die Position der Vertriebsleitung bringen. In der Kita oder in der Schule wiederum müsste ich mich an die Spitze des Elternbeirats wählen lassen, um Einfluss zu gewinnen. Aber jeder Lehrer, jede Lehrerin kennt: In der Regel schauen alle auf den Fußboden, wenn es um die Kandidatenlisten der Beiratswahlen geht.

Aber diese Position ist doch besser als nur besserwisserisch herumzunörgeln!

Andersherum gilt aber: Diese Position ist anstrengend und sehr undankbar. Es gibt so viele, die einen dann statt zu unterstützen kritisieren, selbst alles besser wissen – im Konjunktiv. Dafür gibt es zig Beispiele in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Es gibt 82 Millionen Fußballbundestrainer auf dem Sofa. Aber nur einen Jogi Löw, der den Druck in einen Titel verwandelt hat. Fragen Sie ihn einmal, wie oft er kritisiert wurde. Der Titel ist sicher für ihn ein emotionaler Befreiungsschlag. Aber nur bis zur Europa-
meisterschaft …

Nach Soziologen, Psychologen oder Philosophen wie Peter Sloterdijk über- fordert uns die multioptionale Gesellschaft. Macht die Freiheit uns krank oder müssen wir nur lernen, mit ihr umzugehen?

Nach dem Philosoph Martin Heidegger – verkürzt gesprochen – erwächst Angst aus der Freiheit zur Entscheidung. Entscheiden zu können, bedeutet frei zu sein. In Ägypten geben Menschen ihr Leben, damit andere in Zukunft wählen dürfen, bei uns lag kürzlich die Wahlbeteiligung in Sachsen- Anhalt bei nicht mal 50 Prozent. Das ist eine Frechheit! Doch Freiheit erfordert eine Verantwortung, die wir für jede Entscheidung übernehmen: Denn unsere Entscheidungen kommen als Bumerang vom Leben zurück. Also, Freiheit meint Entscheidungsfähigkeit, das bedeutet Verantwortung. Das Problem: Wir wollen das Positive der Freiheit, aber wir wollen nicht den Preis – das vermeintlich Negative – dafür bezahlen, ergo der Konjunktiv. In der Wirkung übernimmt dann ein Teil der Menschen immer mehr Verantwortung, während der andere Teil immer mehr Verantwortung abgibt. Dadurch geht die Schere konstant weiter auseinander.

Woran liegt das?

Das hat viele Gründe, historische, wie jeweils individuell familiäre. Jeder von uns trägt sein Päckchen von klein auf mit sich, das ist einfach so – ohne Eltern oder Umstände dafür Vorwürfe machen zu wollen. Aber das Leben zeigt, auch Menschen aus widrigsten Umständen schaffen es nach oben. Irgendwann muss ich als Erwachsener Verantwortung für mich übernehmen und fragen, wie ich mein Leben transformieren kann. Wie erkenne ich hemmende Prägungen aus der Vergangenheit und werde davon frei? Ein Manko unserer Gesellschaft ist sicher auch unser Perfektionismus und unsere schwach entwickelte Fehlerkultur. Wer entscheidet, macht auch Fehler. Es muss möglich sein, diese zu revidieren. Bei uns herrscht immer noch eine alte Denke. Fehler müssen um jeden Preis vermieden werden – und wenn sie passieren, werden sie möglichst totgeschwiegen. Inwieweit dies alles nun systembedingt ist, uns also die multioptionale Gesellschaft überfordert, darüber kann man sich trefflich streiten. Während Sloterdijk eher über die Schwäche des Systems argumentiert, ist mein Ansatz das Individuum. Mein Plädoyer lautet: Schau in den Spiegel und erlange durch Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit Freiheit.

Wie viel Einfluss hat das System, wie viel das Individuum?

Sollte ich es in Prozenten ausdrücken, würde ich sagen 30 Prozent sind systembedingt, 70 Prozent bedingt der Mensch. Jedoch nur in unseren demo- kratisch sehr gefestigten Kulturen! In Regimes und Diktaturen sind 95 Prozent systembedingt. Doch wenn hier in Europa eine Veränderung vom Individuum ausgeht, kann sie ins Kollektiv überschlagen und das System umformen. Die Wende ist ein gutes Beispiel, die Menschen haben diese vollbracht. Zwar hat in der einstigen DDR das System dem Individuum viele Entscheidungen abgenommen, dennoch war die soziale Norm, der menschliche Zusammenhalt stärker. In der BRD wiederum war die Marktnorm stärker. Im Westen hätten wir von der sozialen Norm der DDR lernen sollen, indes haben wir unsere Marktnorm in den Osten gebracht. Und dort war es für die Menschen schwer, plötzlich Entscheidungen zu treffen – sie waren das ja nicht gewohnt.

Wie lernen wir also Entscheidungen zu treffen und dem konjunktiven »Aussitzen «, wie es auch so mancher in der Politik vorlebt, zu entkommen?

Mit vier einfachen Steuerungsknöpfen: Ziele und Selbstverantwortung, Wissen und Erfahrung. Wer Ziele verinnerlicht gepaart mit Selbstvertrauen hat, ist engagiert und emotional aufgeladen: Der Antrieb ist da, sich verantwortlich zu engagieren. Dazu braucht es wiederum Wissen und Erfahrung, was letztlich die Kompetenz eines Individuums ausmacht. Alle vier Punkte gehören zusammen. Wenn jemand wahnsinnig ambitioniert ist, aber kein Wissen hat, nutzt das genauso wenig, wie jemand mit Wissen, aber ohne Lust, es anzuwenden.

Wie können die vier Steuerungsknöpfe in Alltag, Politik oder Unternehmen und von so manchen Zeitgenossen in der Narzissmusfalle umgesetzt werden?

Gleich ob Chef, Sekretärin, Abteilungsleiter oder Mitarbeiter: Bedienen Sie nie deren Narzissmus und überzogenes Ego, das führt zur gegenseitigen emotionalen Prostitution. Durch mangelnden Selbstwert benutzen manche ihr Smartphones mittels ständiger Erreichbarkeit als Selbstbestätigungsfalle – und beklagen sich dann, dass alle was von ihnen wollen. Man kann einfach sein Telefon ausschalten! Das Zeichen ist damit nicht, dass sie gerne Verantwortung übernehmen, sondern »Ich will gebraucht werden und wichtig sein«. Eine starke Führungskraft leitet nicht von oben herab über Angst, sondern über Sinn: Er oder sie muss sich in Gesprächen ein Bild über die inneren Ziele, das Wissen und die Erfahrung der Mitarbeiter bilden und mit Sinn verknüpfen. So können gemeinsam mit den Mitarbeitern Dinge entwickelt werden – und daraus entsteht eine enorme Dynamik.

Apropos Angst, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel spricht vom Konjunktiv als Feind des Mutes und dass wir in einer Angstgesellschaft lebten. Sie sprechen von der Angst vor der Angst. Wie entkommen wir diesem Teufelskreis?

Schüssel hat Recht. Mit Angst kann man prima herrschen und unterdrücken. Ängste haben wir alle, evolutionsbiologisch sind sie ein Schutzmechanismus, der die Sinne schärft. Aber: Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Heute bestimmen vor allem Konventionen der Gesellschaft unsere Ängste. Angst vor Krankheit, Angst vor Verlust des Ansehens, Angst vor Ablehnung oder die Angst vor der Angst. Was bleibt beispielsweise von uns, wenn all die Statussymbole fehlen, das Smartphone, der Flitzer, das Haus, die Designerklamotten? Da sind wir bei der Substanz und der Frage, ob ich mehr Herr oder Sklave meiner Ängste bin. Verstecken geht dabei nicht mehr. Denn durch die sozialen Medien nimmt die Transparenz zu; ob ich mal über die Strenge schlage, oder eine Doktorarbeit abschreibe, immer mehr kommt heraus. Umso mehr steigt der Wunsch nach Menschen mit Substanz und Authentizität. Umso mehr wird Aufrichtigkeit zu einer starken Währung. Hier sind wir wieder am Anfang: Wir sollten nicht so sehr die anderen anschauen und ihre Authentizität bewerten, sondern ehrlich zu uns selbst sein. Das ist das schwierigste. Doch daraus kann Selbstverantwortung und damit Substanz folgen.

  • Petra Mostbacher-Dix

http://grundl-akademie.de

Hätte, hätte, Fahrradkette

Es könnte ja, es könnte ja. Also ich könnte ja. Ja, vielleicht.

Könnte ich. Also wenn man mich ließe. Sicherlich, ja. Dann

  1. Wenn man mich, dann könnte ich. So richtig könnt’ ich

dann. Also so alles so. Könnt’ ich dann. Alles. Nämlich.

Schlicht alles könnt’ ich. Dann. Wenn.

Aber alles ist halt auch viel.

Alles ist immer viel.

Alles ist meistens zu viel.

Für die meisten ist alles zu viel.

 

Die Multioptionsgesellschaft hat das Problem der fehlenden Eindeutigkeit. Alles ist möglich und vor allem muss alles möglich sein. Immer und auch bleiben. Zu jedem Zeitpunkt muss jede Option gegeben sein. Am besten für immer. Sich festlegen bedeutet Möglichkeiten einzubü.en. Aufzugeben. Zu verlieren. Jede getroffene Entscheidung schließt alle anderen, nicht getroffenen aus. Jedes Ja bedeutet unendlich viele Neins. Furchtbare Konsequenz der Kausalität.

Im Detail heißt das: Jeder kann, jeder darf, jeder will und jeder soll alles können, dürfen, wollen und sollen. Immer und überall. Alle müssen können, alle sollen wollen. Keiner darf nicht können. Nicht wollen schon gar nicht. Die Multioptions-Chance wird zum Multioptions-Zwang, woraus der Druck (außen) und der Anspruch (innen) erwächst, dass auch jeder muss, was er kann. Im Mindesten müsste, was er könnte. Eben seine Möglichkeiten auch nutzen. Wenn er sie schon hat. Nichts verschwenden, nichts verschenken. Keine Chance verpassen. Immer das Beste aussuchen. Immer das Richtige tun. Ganz einfach: den perfekten Weg durchs Leben finden, anhand stets richtiger Entscheidungen.

Das kann ja nur schief gehen. Es muss. Und es darf. Das weiß aber nicht jeder. Die Angst, sich falsch zu entscheiden lastet schwer und erzeugt automatisch und unausweichlich Ziel- und Orientierungslosigkeit. Alternativlos. Das unausgesetzte Offenhalten aller Wahlmöglichkeiten führt zur Enthaltung. Vom Leben, pathetisch formuliert.

Feste Bindungen, Verantwortung und Konsequenz sind dabei nämlich nur hinderlich. Können nichts anderes sein als hinderlich. Sehen schon von weitem nicht gut aus. Stehen nur im Weg rum, nehmen Platz weg und werden weiträumig gemieden. Oft genug schlicht ignoriert. Nicht als Option wahrgenommen. Nicht als Möglichkeit akzeptiert. Damit irrelevant. Nicht auf der Liste, nicht existent. Endgültigkeit darf nicht sein und kann eben deswegen auch nicht sein.

Ebensowenig auf dem Wahlzettel steht allerdings Vergänglichkeit. Sie wird ebenso gefürchtet und durch Ignoranz gemieden wie Endgültigkeit. Alles wird dokumentiert, alles wird festgehalten. Gespeichert und abgelegt für wen auch immer. Für eine potentielle Nachwelt, die ein potentielles Interesse daran haben könnte. Unter Umständen. Eventuell. Möglicherweise. Aber eher nicht. Alles bleibt ohne Konsequenzen, ohne Folgen, ohne Wirkung. Archäologen der Zukunft werden nicht das Problem haben, dass sie nur ein paar vertrocknete Scherben finden und sich daraus ableiten müssen, wie die Römer auf dem Klo saßen. Nein, sie werden sich durch Abermillionen identischer Photos von Essen und Katzen wühlen müssen. Und daraus auf die Umstände in der längst untergegangenen Gesellschaft schließen. Oje. …

Gemeinsamkeit: auch bei der Flucht vor Vergänglichkeit werden keine Entscheidungen getroffen. Es wird kurzerhand alles dokumentiert. Wahllos. Ohne Auswahl oder Filter — ohne Gedanke. Auch, weil es geht. Weil es möglich ist. Endpunkt: Belanglosigkeit. Die Angst vor Endgültigem und die Flucht vor Vergänglichkeit münden in Ununterscheidbarkeit und Gleichgültigkeit. Alles geht, alles ist gleich, alles ist egal. Fatal.

Was hilft (helfen könnte, Konjunkitv!): nachdenken, entscheiden, dabei bleiben, wenn’s nicht klappt von vorne beginnen. Das ist wesentlich unterhaltsamer und nimmt so bisschen den unangenehmen Druck raus. Einfach mal drauf ankommen lassen und dann das Beste draus machen. Platz für Experimente lassen. Platz für Fehler. Platz für Neuanfänge. Was bleibt uns denn sonst übrig? Kontrolle ist Illusion und gar nicht ist schlimmer als schlecht.

  • Philipp J. Schmidt

Mediadaten

SuR erscheint alle drei Monate jeweils zu Monatsanfang
(Dez/Jan/Feb – Mrz/Apr/Mai – Jun/Jul/Aug – Sept/Okt/Nov)

Auflage 5.000 Exemplare
Format 105 × 170 mm hoch
Verbreitungsgebiet Stuttgart und Region
Redaktionsschluss Text am 21. des Monats
Redaktionsschluss Kalender + Anzeigen am 25. des Monats

Preise
Doppelseite (202 × 164 mm) 1000 €
Ganze Seite (100 × 164 mm) 590 €
Umschlagseite innen (U2 + U3) Aufpreis: 105 €
Rückseite (U4) Aufpreis 160 €
Halbe Seite (100 × 81 mm) 350 €
Viertel Seite (49 × 81 mm) 220 €

Jahresrabatt 4 Anzeigen pro Jahr mit 10% Rabatt
Kulturrabatt 10% für Einzelanzeigen

Druckdaten PDF-X3, 300dpi, CMYK, angelegt auf Endformat ohne Beschnittzugabe und Druckmarken

Alle Preise zzgl. 19% MwSt.

Wenn wir Ihnen eine Anzeige erstellen sollen, oder bei Sie ein Sonderformat benötigen, melden Sie sich bitte bei der Anzeigenleitung unter:
grafik@sur-kultur.net

Impressum

SuR – KulturPolitik für Stuttgart und Region

Herausgeber und Redaktionsleitung
Eva Maria Schlosser (V.i.S.d.P.) und Petra Mostbacher-Dix

Kontaktadressen
Eva Maria Schlosser | Forststraße 180 | 70193 Stuttgart
T 0711 – 636 28 29
Petra Mostbacher-Dix | Eichenweg 1/2 | 70839 Gerlingen
T 07156 – 434 512

redaktion@sur-kultur.net

 

Grafik, Design und Anzeigen
Philipp J. Schmidt
B U R E A U    R E I T Z E N
M 0176 – 242 657 06

grafik@sur-kultur.net
bureau@reitzen.de
www.reitzen.de